Das Janus Syndrom von Dennelayn
"If you want to paint great pictures,
you'll have to use the dark colors as well."

Ancient Earth proverb

Kapitel 1 - Aussichten | Kapitel 2 - Einsichten | Kapitel 3 - Ansichten| Kapitel 4 "Das ist ein Befehl!" | Kapitel 5 - Absichten | Kapitel 6 - Schadensbegrenzung | Kapitel 7 - Grenzgänger | Kapitel 8 - Wagnisse

 

(1) AUSSICHTEN

Wieder einmal stand Captain Hunt auf dem Observationsdeck vor der überdimensionalen Aerofilmscheibe und starrte hinab auf die blaugrüne Kugel, über der sein Schiff, die Andromeda Ascendant, seit Tagen im Orbit hing. Gelegentlich verschwamm sein Focus und dann konnte er sein eigenes Gesicht als Spiegelbild in der Scheibe sehen. Nicht alles, was er wahrnahm, gefiel ihm auf Anhieb. Waren das wirklich graue Strähnchen? Und die Linien um seine Augen, waren die schon lange da? Dylan schnitt eine Grimasse, zog die Haut um seine Augenpartie straff, bis er Mandelaugen hatte, und ließ dann wie ertappt die Hände sinken. Das wäre ein gefundenes Fressen für Harper und einen seiner Kommentare gewesen, durchzuckte es ihn. Sein Spiegelbild zeigte wieder die hartnäckigen Linien um die Augen. Achselzuckend starrte Hunt schließlich wieder durch sein eigenes Abbild hindurch auf den Planeten herunter. Es gab wichtigeres als persönliche Eitelkeiten.

Persönliche Sicherheit, zum Beispiel. Der inoffiziellen Natur der derzeitigen Mission entsprechend hatte der Captain der Andromeda auf die Uniformjacke über seinem Pullover und der Weste verzichtet, nicht jedoch auf die obligatorische Kampflanze, die in ihrem Holster an der Außenseite seines rechten Oberschenkels steckte. Gefahren konnten überall lauern, auch auf dem Observationsdeck des immer noch mächtigsten Kriegsschiffes der drei bekannten Galaxien. Die Hunt oft unterstellte Paranoia in Bezug auf seine ständige Bewaffnung hielt er für sträflichen Leichtsinn derer, von denen diese Unterstellung ausging. Wie Recht er mit seinem Misstrauen in dieses Universum hatte, hatte sich auch wieder in dem gerade erlebten Abenteuer bestätigt. Scheinbar waren friedliche Missionen trotz des Neuen Commonwealths nach wie vor Mangelware.

Dylan beschlich das Gefühl, dass der letzte Einsatz vielleicht erst durch das Neue Commonwealth so gefährlich geworden war - die Magira, eine Kriegerspezies mit genetischem Gedächtnis und Gewissen, entstanden aus der unfreiwilligen Verschmelzung zweier so unterschiedlicher Rassen wie der Magog, die die eine Hälfte ihrer Opfer sofort fraß und die andere Hälfte als lebendige Schlupfhüllen für ihren Nachwuchs missbrauchten, und der Hajira, jener friedliebenden Rasse von Anhängern des Wayismus, war zum Ziel von großmilitaristischen Begehrlichkeiten geworden, war in das Visier sowohl des Neuen Commonwealth als auch von dessen stärkstem Widersacher, dem nietzscheanischen Großclan der Drago-Kazov, geraten.

Während die verantwortlichen Stellen des Commonwealth die Verschleppung der Magira von ihrem Heimatplaneten als Präventivmaßnahme gegen die größte Bedrohung der Galaxien - das Magogweltenschiff - zu beschönigen versuchten, hatten es die Draganer auf das genetische Material der Magira abgesehen, um daraus eine eigene Kriegerrasse zu züchten. Nur mit einem Kraftakt der besonderen Art war es Dylan und seiner Crew möglich gewesen, sowohl das eine als auch das andere zu verhindern. Zu Beginn des Abenteuers war Hunt zudem mit dem Alptraum eines jeden Captains konfrontiert worden - Andromeda hatte sich seinen Befehlen widersetzt und ihn und den Großteil der Crew mit einer List von Bord gelockt, um den geheimen Aufträgen aus dem High Guard Command Folge zu leisten. Auf der Suche nach seinem Schiff war Dylan immer tiefer in den Strudel der Ereignisse hineingezogen worden, in deren Verlauf er schließlich nicht nur einen nietzscheanischen Spitzel in den Reihen des Commonwealth enttarnt und die Magira vor beiden Parteien - den Drago-Kazov und den Verantwortlichen des High Guard Command - gerettet, sondern zu seiner übergroßen Erleichterung auch sein Schiff wieder gefunden und die Kontrolle zurück gewonnen hatte.

Um die Magira vor erneuten Übergriffen zu schützen, hatte Marshall Man Ka-Lupe, einer der wenigen Würdenträger im Neuen Commonwealth, dem Dylan beinahe vorbehaltlos zu vertrauen gewillt war, ihn und Andromeda beauftragt, die Magira auf einem unauffälligen Planeten weitab jeglicher belebter Raumstationen und häufig frequentierter Slipstreamrouten neu anzusiedeln und ihnen solange Beistand zu leisten, bis die ersten Anfangsschwierigkeiten überwunden waren. Das beste an den zurückliegenden 21 Tagen, sinnierte Dylan, war das Wiedersehen mit Rev Bem. Das ehemalige Crewmitglied der Andromeda, ein brillanter theoretischer Physiker und wahrscheinlich der einfühlsamste Psychologe, den Dylan je getroffen hatte, war nach einer Glaubenskrise mehr als ein Jahr zuvor von Bord gegangen und hatte schließlich seine Erfüllung als geistiger Anführer der Magira gefunden - etwas, worum ihn Dylan beinahe beneidete. Und darum, auf diesem Planeten, um den Andromeda seit 21 Tagen kreiste, eine neue Heimat gefunden zu haben.

Heimat. Tarn-Vedra, dachte Dylan, und erlaubte sich einen Moment der Sentimentalität, als er auf den blaugrünen Planeten herabsah, der fast die gesamte Breite des Fensters ausfüllte. Beinahe hätte er gar keine Heimat mehr gehabt; schließlich war Tarn-Vedra seit mehr als 300 Jahren vom Slipstream abgeschnitten und wenn jetzt auch noch Andromeda… Dylan zog es vor, den Gedanken nicht zu Ende zu verfolgen.

Unbemerkt hatte Rommie das Observationsdeck betreten, so leise wie immer. Sie hatte den stummen Dialog Dylans mit seinem eigenen Spiegelbild fasziniert beobachtet. Es war eine jener kleinen Gesten gewesen, die bei vielen anderen lächerlich gewirkt hätte und die sie an ihrem Captain so anziehend fand. Leider war sie mit dieser Meinung nicht allein in den 3 Galaxien, wie seine zunehmenden Affären gezeigt hatten. Überbringe endlich deine Nachricht, erinnerte sie sich selbst. Rommie räusperte sich leise. "Dylan? Störe ich?"

"Nein, nein." Wie lange hatte Rommie schon im Türrahmen gestanden? Dylan fuhr sich mit der Hand durch die Haare, eine Geste, die er unbewusst benutzte, um die sentimentalen Gedanken zu verscheuchen, dann winkte er die zierliche Gestalt näher. Er musterte Rommie, die er um zwei Köpfe überragte, wie sie sich geschmeidig durch den großen Raum auf ihn zu bewegte. Der dunkelrote Lederanzug saß wie eine zweite Haut an der Androidin und enthüllte einmal mehr das Meisterwerk, das Harper, der Chaosingenieur der Andromeda, nach alten Commonwealthblaupausen angefertigt hatte. Nicht zum ersten Mal bemerkte Dylan, wie viel Wert Rommie inzwischen darauf legte, sich von den übrigen, traditionellen Erscheinungsformen der Schiffs-KI zu unterscheiden. Hologramm und Videobild wirkten im Vergleich zum Avatar hausbacken - brave Frisuren und die alte rote, ärmellose Weste mit goldfarbenen Zierstreifen bzw. die langärmlige Variante mit blauen Zierstreifen. Rommie hingegen hatte nach einer experimentellen Phase mit blauer Frisur und gewagten Outfits ihren eigenen Stil gefunden, äußerliches Statement ihrer innerlichen Entwicklung. Sie stand mit ihrer Urform - der KI - auf dem gleichen Level, wenn es um schiffsrelevante Vorgänge ging; Datenverarbeitung, Informationsgewinnung, Systemwartung. Doch darüber hinaus hatte die Androidin sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickelt. Diese Eigenständigkeit hatte Rommie während der turbulenten Ereignisse des Magira-Abenteuers erkennen lassen, dass sie nicht bedingungslos Befehlen ausgeliefert war, die sie als falsch empfand; ein Umstand, der zu heftigen Diskussionen zwischen Android und der Protokollbesessenen Kern-KI geführt hatte.

Rommie, die nichts von den Spaziergängen ahnte, die Dylans Gedanken gerade unternommen hatten, erklärte: "Du wolltest informiert werden, sobald die Umsiedlungsphase abgeschlossen ist." Sie blieb neben ihm stehen und hielt die Arme hinter dem Rücken. "Rev Bem hat sie soeben für beendet erklärt." Mit dem Kopf deutete sie auf den Planeten vor der Scheibe.

"Exzellent", meinte Dylan. "Und dafür bist du den ganzen weiten Weg vom Kommandodeck hierher gelaufen?"

Rommie lächelte und konterte. "Ich bin noch nicht zu alt für einen Spaziergang."

"Du verbringst zu viel Zeit mit Harper", beschwerte sich der Captain, woraufhin Rommie fragend eine Augenbraue hob. Doch Hunt sah schon wieder auf den Planeten herab.

Andromeda hatte in ihren Speicherbänken allein in der Triangulum-Galaxie mehr als 7.000 in Frage kommende Planeten gefunden, die den Kriterien "Tarn Vedra-Klasse, unbewohnt, unbeansprucht und abgelegen" entsprochen hatten. Warum hatte es ihn eigentlich nicht gewundert, dass Trance zielsicher ihren Finger auf Planet Nr. 1.391 gelegt und gesagt hatte: "Der sieht hübsch aus."? Ihre übliche Erklärung hatte diesmal in einer Kombination ihrer Standardausweichantworten "Nur eine glückliche Eingebung" und "Der Name gefällt mir" bestanden. Wobei der Planet noch nicht einmal einen besonderen Namen hatte, sondern als "Spyridon B-2" in den Sternenkarten verzeichnet war. Da niemand aus der Crew mit besseren Vorschlägen aufwarten konnte, war es bei Trance' Wahl geblieben. Dylan hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass Trance' "glückliche Eingebungen" von besonderer Qualität waren.

"Alle haben hart gearbeitet", meinte Rommie, die ihren schweigsamen Captain von der Seite musterte.

"Hm?" Dylan wirkte einen Moment abwesend, dann war er wieder voll da. "Ja. Ja, alle haben viel und hart gearbeitet. Hoffentlich war es nicht umsonst."

"Woran denkst du? Glaubst du nicht, dass die Magira dort in Sicherheit sind?"

"Sie sind hier nicht mehr oder weniger in Sicherheit als sie es auf Serendipity waren, fürchte ich. Ein falscher Slipstreamsprung, ein Gerücht - oder eine Schwachstelle im Neuen Commonwealth, und schon fangen die Probleme wieder von vorne an." Dylan vollführte eine hilflose Geste mit den Händen.

"Du kannst dir nicht die Verantwortung für alles aufbürden, was in den drei Galaxien daneben geht, Dylan." Rommie konnte Dylans Hang zur Selbstgeißelung nur bedingt nachvollziehen. Als künstliche Intelligenz verfügte sie über ein Warnsystem, das sie vor solchen Neigungen schützte. Gedankenspiele, die sie nicht gewinnen konnte, ging sie nicht ein, eine vom Grundsatz her geradezu nietzscheanische Denkweise.

"Kann ich nicht?"

"Nein."

"Ich dachte, als Captain des mächtigsten Kriegsschiffs dieser drei Galaxien ist es geradezu meine Pflicht…" Dylans Mundwinkel zeigten den Ansatz eines Lächelns.

"Hilfsmitteltransporte, Hochzeitsfahrten, Diplomatenbeförderung, Kriminalfallaufklärung, Zeitsprünge, Versuchsobjekt der Perseiden… ich dachte, ich sei längst über die Kriegsschiff-Phase hinaus." Rommie tat, als würde sie schmollen.

"Du hast Recht." Dylan verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen, eines von der Herzensbrecher-Sorte, wie Rommie feststellte, die die Mimik ihres Lieblingsstudienobjekts in- und auswendig kannte. Es wärmte ihr nicht vorhandenes Herz, dass das Grinsen diesmal uneingeschränkt ihr galt und nicht einer dieser Kurzzeitbekanntschaften, die Dylan in letzter Zeit häufiger einging.

"Etwas Neues von van Zand?" Dylan lehnte sich jetzt mit einem Arm auf die Brüstung vor der Panoramascheibe und wandte den Blick ab von Spyridon B-2.

"Nein." Der Verräter aus den Reihen des Commonwealth hatte es geschafft, sich mit einer Rettungskapsel von Bord der Andromeda zur Flotte der Drago-Kazov zu retten. Seine möglichen Kontaktleute innerhalb des High Guard Command waren noch nicht gefunden worden, so sehr sich Marshall Ka-Lupe auch darum bemühte. Mitleidslos dachte Dylan daran, wie es dem Sohn eines nietzscheanischen Stammesfürsten und einer menschlichen Sklavin unter reinrassigen Nietzscheanern gehen mochte und wie hoch seine Überlebensaussichten waren. Weniger als optimal, beschloss Dylan und fühlte tief in seinem Innern, dass er van Zand jeden Moment dieser hoffentlich unerfreulichen Erfahrungen gönnte, schließlich hatte der frühere Commonwealth-Major versucht, das Kommando über die Andromeda zu übernehmen. Seine Andromeda.

"Was machen Harper und der Kristall?" erkundigte sich Dylan schließlich. Er hatte den Ingenieur damit beauftragt, sich näher mit dem vedranischen Kommandokristall zu beschäftigen, der ihm auf Möbius zugespielt worden war.

Rommie schloss kurz die Augen, als sie in Synchronisation mit ihrer Kern-KI die gewünschte Information suchte.

"Trance und Harper untersuchen ihn in einem der Machine Shops, in denen Harper noch kein Chaos angestellt hat."

"Gibt es das überhaupt?" Dylan wirkte überrascht. Harper war bekannt dafür, eine Spur aus Unordnung, bestehend aus Essensresten, leeren Sparky-Cola-Dosen und halbfertigen "Projekten" zurückzulassen, egal, wo er arbeitete. "Ich meine, einen Machine Shop ohne Chaos? Und was macht Trance mit dem Kristall?" Seine Stimme gewann ein wenig an Schärfe, wie immer, wenn er mit etwas konfrontiert wurde, das er so nicht geplant hatte.

"Ich hätte es auch nicht für möglich gehalten - den Machine Shop, meine ich." Rommie wirkte amüsiert. "Trance hat Harper ihre Hilfe angeboten; sie ist davon überzeugt, dass der Kristall eher in ihr Fachgebiet fällt."

In welches Fachbiet? Medizinische Versorgung? Oder Orakelsprüche? Dylans Augenbrauen wanderten ein Stück nach oben, während er darüber nachdachte. Aus Erfahrung wusste er, dass Trance nichts ohne Grund tat - auch wenn dieser Grund manchmal reichlich obskur war. Irgendetwas an dem Kristall musste ihr Interesse geweckt haben. Allerdings, so gestand Dylan sich ein, im Allgemeinen war es nicht zu seinem oder Andromedas Nachteil, wenn das geschah. Das eine Mal, dass Trance ihn ansatzweise enttäuscht hatte, lag andererseits auch noch nicht allzu weit zurück...

"In Ordnung. Sag' ihr, sie soll Bescheid geben, wenn sie auf etwas wesentlich stößt. Egal, was und sofort."

"Aye, Captain." Rommie drehte auf den Fersen um und verließ das Observationsdeck, ihre Haarspitzen wippten im Takt ihrer energischen Schritte.


(2) EINSICHTEN

 

An Bord eines nietzscheanischen Kriegsschiffes saß ein einsamer Mann mit angezogenen Knien auf seiner Liege. Sein spartanisches Quartier spiegelte seine Stellung an Bord des Schiffes wieder - es handelte sich um eine Gefängniszelle, viele Decks von der Kommandozentrale und den Quartieren der angesehenen Clanangehörigen entfernt. Nicht, dass Cornelis van Zand, der flüchtige Commonwealth-Major, sich viel aus seiner Unterbringung machte, während er mit dem Kopf auf den Knien darüber brütete, was sich in den letzten 20 Tagen in seinem Leben ereignet hatte, welche Auswirkungen dies auf seinen Auftrag hatte und vor allem - was ab dem nächsten Tag geschehen würde…

Die ersten Eindrücke seiner neuen Umgebung waren nicht gerade viel sprechend gewesen.

Ein lautes Dröhnen ließ in gleichmäßigen Intervallen den Untergrund vibrieren, von dem ihn - wenn sein Tastsinn normal funktionierte - nur eine dünne Auflage und die Überreste seiner Commonwealth-Uniform trennten. Jedes Intervall spürte van Zand bis ins Mark seines Körpers, vor allem im Rücken, wo ihn intensive Schmerzen an den Treffer aus Tyrs Kampflanze erinnerten. Doch die Lautstärke und das Vibrieren zusammen waren das kleinere Übel im Vergleich zu dem Geruch, der langsam in seine bewusste Wahrnehmung drängte. Es roch modriger als in den Salzsümpfen seiner Heimat, in denen er sich in seiner Jugend bei seiner einmaligen Flucht vor den Häschern seines verhassten Vaters versteckt hatte, bevor sie ihn nach sechs Tagen halbtot von Sumpffieber und Entkräftung endlich wieder eingefangen und in das menschliche Ghetto außerhalb des Ruinenfeldes, das einmal die stolze Hauptstadt von Enkindu gewesen war, zurück gebracht hatten. Aufsteigende Übelkeit war die Folge, die ihn zunächst von weiteren unerfreulichen Details ablenkte. Als er den Würgereflex im Griff hatte und durch den Mund atmete, um die Geruchsrezeptoren zu schonen, zwang van Zand sich zunächst zu völligem Stillhalten. Bevor er eventuell weiteren Anwesenden zu erkennen gab, dass er das Bewusstsein wieder erlangt hatte, musste er den Vorteil nutzen, seine neue Umgebung einer ersten Musterung zu unterziehen, sobald er wieder klar denken konnte und die Instinktphase, die er im Moment erlebte, vorüber war.

Vorsichtig bewegte der Mann mit den dunkelblonden Haaren und dem erkennbar dunkleren Bartwuchs seine Finger- und Fußspitzen, dann spannte er behutsam Arme und Beine an. Zu seiner großen Erleichterung konnte er keine Fesseln oder ähnliche unliebsame Überraschungen feststellen. Auch ein vorsichtiger Blick durch halb geschlossene Augenlider trug zu seiner Beruhigung bei; seine Umgebung mochte laut und übel riechend sein, aber er schien allein zu sein und der Raum war wenigstens keine Gefängniszelle. Allerdings auch kein Bett in der gedämpften Atmosphäre eines Medizindecks, sondern eine einfache Matratze in etwas, das bestenfalls wie eine Abstellkammer oder schlimmstenfalls wie Gefängniszelle aussah. Korrektur, dachte van Zand grimmig. Eine Abfallkammer oder Gefängniszelle, die wie die Müllaufbereitungsanlage eines Raumschiffes roch und in der Nähe des Reaktorkerns lag. Definitiv nicht der Ort, an den Besucher üblicherweise untergebracht wurden. Andererseits - er war auch nicht unbedingt als Tourist an Bord gekommen; er war nicht mehr als ein zäh am Leben hängender, halbtoter Halbnietzscheaner gewesen, als er in der Rettungskapsel von Bord der Andromeda Ascendant geflohen war. Er konnte sich nur noch schemenhaft erinnern, von den Schiffen der Drago-Kazov-Flotte eingekreist und von einem von ihnen an Bord genommen worden zu sein. Seine letzte klare Erinnerung endete mit dem Moment, in dem die Einstiegsluke seiner Rettungskapsel geöffnet worden war, danach - Vergessen.

Van Zand änderte seine Sitzposition und lehnte sich mit dem Kopf an die Metallwand hinter ihm an. An das Dröhnen hatte er sich mittlerweile gewöhnt, empfand es sogar als einschläfernd. Seit er die Ursache des bestialischen Gestanks unter dem höhnischen Grinsen seiner Gastgeber entfernt hatte - es hatte wie die verwesenden Überreste eines Magog ausgesehen und ihm danach drei Nächte voller Alpträume beschert, in denen er allein gegen die gesamte mumifizierte Brut eines Schwarmschiffes gekämpft hatte - hielt er es in seiner Zelle ohne ständiges Würgegefühl aus. Mit einer Hand fuhr er abwesend über sein Gesicht und registrierte den ungewohnten Vollbart, der in den drei Wochen seit seiner letzten ordentlichen Rasur gewachsen war. Sehnsüchtig dachte er an das Quartier, das er auf der Wrath of Achilles für die Dauer des Fluges von Möbius bis zum Treffpunkt mit der Andromeda bewohnt hatte. Ein Offiziersquartier mit allen Schikanen…

…und dann das hier. Vorsichtig holte der Ehrengardeoffizier Luft - und hielt sie an, als seine Rippen protestierten. Seine Fingerspitzen fühlten einen Druckverband um seinen Oberkörper. Mit grimmiger Zufriedenheit registrierte van Zand, dass die Drago-Kazov ihn medizinisch versorgt hatten. Dumpf erinnerte sich Cornelis an die Entladung aus Tyrs Kampflanze. Verdammter Nietzscheaner. Er hatte den Kodiak am Rand einer Niederlage gehabt, doch mit einem hatte van Zands nicht gerechnet: Andromedas neu entdeckter Eigenverantwortung. Statt die Maru mit Captain Hunt an Bord zu zerstören wie van Zand befohlen hatte, hatte die KI der Andromeda ihn überlistet und ein von ihr selbst projiziertes Abbild der Maru an Stelle des Originals beschossen.

Mühsam rappelte sich der Verletzte in eine sitzende Position auf, als sich ihm Schritte und Stimmen näherten. Nach einem Moment der Überlegung ließ sich Cornelis wieder zurück auf seine Unterlage gleiten. Je schwächer man ihn einschätzte, desto besser zunächst.

Die Schritte hielten genau auf ihn zu, ließen keinen Zweifel daran aufkommen, dass seine Gastgeber auf sein Erwachen gewartet und ihn wahrscheinlich über die internen Kameras beobachtet hatten.

"Aufstehen." befahl eine ans Kommandieren gewöhnte Stimme. "Kommandant Ataturk wartet."

'Der Sohn des Flottenadmirals der Drago-Kazov persönlich', dachte van Zand und musterte die Delegation von Drago-Kazov, die sich drei Mann hoch vor dem Eingang zu seiner Zelle aufgebaut hatten. Also doch - er war ein Gefangener, kein Gast der Drago-Kazov. "Womit habe ich die Ehre verdient?"

"Das wird er dir schon selbst erzählen." Der Wortführer betonte seine Aufforderung durch das Scharfmachen seines Gaußgewehrs und ließ die Tür entriegeln. Der Major beschloss, der Einladung augenblicklich, wenn auch unter Schmerzen, Folge zu leisten und folgte seiner Eskorte wortlos aus der Kammer, der Begegnung mit Ataturk entgegen.

Van Zand dehnte seine Schulter- und Nackenmuskulatur, nahm dann eine Meditationspose ein, Beine über Kreuz, Arme locker in den Schoß gelegt. Ohne es zu wollen, drängte sich das Gebet in seine Gedanken, das er auf Serendipity gehört hatte. "Mein Schmerz gehört dem Göttlichen…" Die Ironie war ihm wohl bewusst. Die Magira hatten es geschafft, seine Pläne und die seiner Auftraggeber zu durchkreuzen, und obwohl er tiefe Abscheu vor allem empfand, was Fell trug und aufrecht gehen konnte, waren ausgerechnet ihre Gebete seine Zuflucht in den langen Stunden der Einsamkeit, seit er das Bewusstsein wiedererlangt hatte und ihm klar geworden war, dass er auf Gedeih und Verderb den Launen seiner Gastgeber, seiner eigentlichen Verbündeten, ausgeliefert war.

Gastgeber? Eher Angeber, dachte er, allen voran Ataturk, erster Sohn von Cuchulain und brillanter Denker...

…hatte sich einerseits als charmant und redegewandt gezeigt, andererseits kalt lächelnd die Exekution zweier Crewmitglieder angeordnet, denen nichts anderes passiert war als eine Reparatur nicht schnell und damit nicht effizient genug ausführen zu können.

Van Zand, der der Szene unfreiwillig beigewohnt hatte, wusste die Demonstration nietzscheanischer Grausamkeit sehr wohl einzuordnen und verstand die Botschaft. Erweise dich als nützlich, Kluge, und wir lassen dich vielleicht auch weiterhin am Leben. Und genau das hatte er vor, als Ataturk das Wort an ihn gewandt hatte.

"Womit willst du das Wasser, die Nahrungsmittel, deine Atemluft an Bord bezahlen, Kluge?"

Angst konnte Cornelis sich ab diesem Moment nicht mehr leisten. "Mit Informationen, die Ihr aus keiner anderen Quelle erfahren könntet."

Gleichmäßig hob und senkte sich der Brustkorb des Majors, um seine Bewacher hinter den Überwachungskameras zu täuschen, während er an die wohldosierten Informationen dachte, denen er sein seitheriges Überleben an Bord der Fierce Warrior, des Flaggschiffs der Draganischen Flotte, verdankte.

Die Flotte hatte sich nach der Niederlage gegen die Andromeda tief in ihr eigenes Territorium zurückgezogen. Ataturks Entschlossenheit, sich dafür zu rächen, schien nach einer heftigen Auseinandersetzung mit seinem Vater, dem Flottenadmiral Cuchulain, die zur Schande des gedemütigten Sohns auf allen Kommunikationskanälen der Fierce Warrior zu hören gewesen war, einen deutlichen Schub bekommen zu haben. Kein Wunder, Williams Ansehen hatte unter der Schlappe gelitten und natürlich auch das des Flottenadmirals.

Van Zand, dessen Anpassungsfähigkeit an widrige Umstände nicht zuletzt ein Produkt seiner eigenen unglücklichen Herkunft war - das Kind eines nietzscheanischen Besetzers seiner Heimatwelt Enkindu und einer menschlichen Sklavin - hatte das Scheitern des ursprünglichen Plans, der ihn in diese missliche Lage gebracht hatte, abgehakt. Gut, dann würde das Magogweltenschiff eben nicht von den Magira gestoppt werden. Aber seine Auftraggeber hatten auch diese Möglichkeit in Betracht gezogen und ihn von vornherein mit mehreren Optionen versorgt. ‚Nietzscheaner. Ihr seid so berechenbar und daher manipulierbar', dachte van Zand und veränderte erneut seine Position, streckte sich auf seiner Pritsche lang aus und glitt in eine kurze Schlafphase, die dieses Mal nicht vom Auftauchen hungriger Magog in seinen Träumen unterbrochen wurde.

Nicht im Traum wäre Ataturk der Gedanke gekommen, dass er in dem kühnen Plan, der in den vergangenen 20 Tagen aus den Angaben des Kluges entwickelt worden war und von dem er sich die Herstellung seiner Ehre versprach, nur eine von vielen Komponenten und keineswegs die strahlende Hauptfigur war.

 

(3) ANSICHTEN

"Weißt du, Trance, ich verstehe nicht, warum du dich für dieses spitze Ding interessierst." Harper richtete eines seiner kleinen Werkzeuge, von denen er ein ganzes Arsenal bereit zu halten schien, auf den vedranischen Kommandokristall, der in einem Feld von Schwerelosigkeit über einem Tisch zwischen ihm und der aparten, rot-goldenen Erscheinung schwebte. Das kleine Gerät in der Hand des Ingenieurs fing an zu summen und sandte einen roten Strahl aus, der sich an den geschliffenen Kanten des Kristalls tausendfach brach und den spärlich erleuchteten Machine Shop kurzzeitig in die hellen Farben des Regenbogens tauchte. Geblendet stellte Harper das Gerät ab und kniff die Augen zusammen.

Trance beobachtete Harper und den Kristall aus einiger Entfernung. Seine Frage löste Unbehagen in ihr aus. Es war die eine Sache, nicht alles zu sagen, was sie wusste; aber es war etwas gänzlich anderes, etwas mit Worten zu maskieren, dessen Ausmaß ihr selbst noch nicht bewusst war. Sie hatte eine unbändige Macht in diesem Kristall gespürt, seit sie ihn das erste Mal gesehen hatte, eine Aura, die ihr vertraut und gleichzeitig fremd vorkam.

Harper bastelte an seinem Gerät, veränderte die Einstellung, dann hielt er inne und sah Trance an, die den Kristall fixierte. "Trance?"

Keine Reaktion. Das goldene Wesen starrte weiterhin wie hypnotisiert auf den Kristall. Der kleine Ingenieur seufzte laut. "Hallo, hier spricht Harper, das Genie… ich meine, nicht dass ich es nicht gewohnt wäre, wenn schöne Frauen in meiner Gegenwart sprachlos würden… aber bekomme ich noch eine Antwort?"

Trance fixierte weiterhin den Kristall, während sie an Harper dachte. Sie mochte den quirligen Menschen; er war extrem in jeder Beziehung. Extrem gutmütig, extrem lustig, extrem gut bei der Arbeit, gelegentlich extrem nervig und immer extrem unglücklich in seiner Frauenauswahl. Trance wusste besser als jede andere der Crew, dass Harper auch dunkle Seiten in sich hatte; ihr Wissen ging zurück auf die alten Tage an Bord der Maru. Jede Konfrontation mit den Nietzscheanern hatte damals schon Harpers aggressive Seite näher an die Oberfläche gebracht, und der Alptraum mit den Magog hatte den quirligen Ingenieur später dann, nach dem ersten Jahr an Bord der Andromeda, an den Rand der Verzweiflung getrieben.

"Weibliche Intuition? Du weißt doch, Frauen lieben glitzernde Gegenstände." Trance schenkte dem Ingenieur über den Tisch hinweg ein Lächeln.

"Normale Frauen - ja. Aber du? Und das ist immerhin ein toter, glitzernder Gegenstand. Bei dem brauchst du weder deinen Medizinkram noch deine Bonsaizange." Harper näherte sich erneut mit dem Gesicht und seinem Werkzeug dem Kristall. "Gib mir bitte mal den Frequenzverstärker." Er deutete mit dem Kopf in die vage Richtung auf den Nebentisch, auf dem eine Unmenge an Geräten auf ihren Einsatz wartete.

"Was soll das heißen, Harper? Hälst du mich für nicht normal?" Ohne zu zögern griff Trance in den Haufen auf dem Tisch und zog auf Anhieb das richtige hervor, reichte es Harper.

"Nein. Doch. Du bist - Trance." Oh Mist. "Trance, hör mal, das war nicht persönlich gemeint."

Wie es Trance' Art war, lächelte sie Harper tiefgründig an und beobachtete ihn, wie er den Verstärker mit dem Gerät in seiner Hand koppelte, einige Einstellungen veränderte und dann erneute eine Entladung auslöste. Ein grünlicher Strahl zuckte in Richtung Kristall.

"Du könntest mir bei Gelegenheit einfach erzählen…" Harper hatte sich erholt und nahm den alten Gesprächsfaden wieder auf.

Auf das Heulen, das ausbrach, als der Strahl auf die Oberfläche des Kristalls traf, war keiner der beiden vorbereitet. Es war markerschütternd und ohrenbetäubend, ein schrilles Kreischen, dissonant. Harper zuckte unwillkürlich zusammen und der grüne Strahl verließ den Kristall, woraufhin sofort Ruhe einkehrte.

"…was du bist. Das gilt auch für dich, du… komischer Kristall." Harper stand die Verblüffung auf dem Gesicht geschrieben.

"Trance, Harper?" Der Monitor an der Wand sprang an und zeigte Andromedas Videoabbild. "Was war das? Meine Sensoren haben einen abrupten Energieausstoß gemessen."

"Sieh selbst." Harper jonglierte die beiden Geräte in einer Hand und hielt sich mit der freien Hand ein Ohr zu. Er nickte Trance zu, die sich daraufhin ebenfalls die Ohren zuhielt, dann senkte er seine Hand und ließ den grünlichen Strahl wieder auf die Oberfläche des Kristalls gleiten.

Erneutes schrilles Heulen, dann bildete sich innerhalb des Kristalls ein weiß glühender Punkt, der auf den von Harper generierten Strahl zuwanderte. Harper starrte verblüfft, als der weiße Punkt den Strahl entlang glitt und ihn gleichsam auffraß.

"Lass es fallen!" rief Trance.

"Was? Bist du verrückt?"

"Das Gerät! Lass es fallen!"

Trotz seines verbalen Protests schalteten Harpers Synapsen rechtzeitig - seine Finger öffneten sich in dem Moment, als der weiße Punkt den Ausgang des einen Geräts erreicht hatte. Noch im Fallen glühten die gekoppelten Instrumente auf; auf dem Boden kamen ein Haufen verschmorter Schaltkreise und zwei deformierte Gehäuse an.

"Diese Demonstration war - interessant", meinte Andromeda trocken. "Was aber meine Frage noch nicht beantwortet. Was war das?"

Harper starrte trübsinnig auf den schwelenden Haufen neben seinem Stiefel. "Das waren mein bester Impulsgeber und ein Signalverstärker."

"Aha." Andromeda zog leicht irritiert eine Augenbraue in die Höhe. "Und um welchen Impuls handelte es sich bei diesem Versuch?"

"Neutrinos. Ich habe den Kristall mit Neutrinos beschossen", murmelte Harper, hockte sich neben die Überreste seines Impulsgebers und inspizierte die traurigen Überreste. Mist, ich habe so viel Arbeit in die kleinen Extras gesteckt. Dann wandte er sich an Trance, die ihren Platz während der Ereignisse nicht verlassen hatte. "Trance, woher wusstest du, was passieren würde? Hättest du mich nicht vorher warnen können?"

"Ich wusste es nicht, bevor es passierte. Der Kristall hat sich verteidigt", sagte Trance ernst.

"Ein Kristall ist kein lebendiges Wesen, Trance", widersprach Andromeda.

Dieser vielleicht schon, dachte die Expertin für alles Lebende an Bord und starrte den durchsichtigen Stein des Anstoßes an.

Dylans Stimme ertönte plötzlich. "An alle. Wir werden demnächst den Orbit von Spyridon B-2 verlassen. Verabschiedung in fünf Minuten auf dem Kommandodeck."

Harper erhob sich und tippte die Überreste seines Impulsgebers vorsichtig mit dem Stiefel an. "Time to say goodbye", meinte er, spießte die Reste mit seinem stiftförmigen Nanoschweißer auf und warf sie im Vorbeigehen in den Entsorgungsschacht. "Ruhet in Frieden." In der Tür blieb er stehen. "Kommst du nicht mit?"

"Ich werde rechtzeitig zum Abschied da sein", erwiderte Trance.

"Wie du meinst." Die Tür schloss sich hinter Harper und auch der Monitor mit Andromedas Abbild erlosch.

 

(4) "DAS IST EIN BEFEHL."
PG 13 (!)

 

"Verbindung zu Rev Bem in fünf Minuten, Rommie." Breitbeinig, mit hinter dem Rücken gefassten Händen stand Dylan vor dem Hauptbildschirm und sah herunter auf Spyridon B-2. Er wartete auf die restlichen Crewmitglieder, um Abschied von ihrem ehemaligen Kameraden und dessen neuer Kolonie zu nehmen.

"Aye", bestätigte Rommie.

Beka und Tyr betraten das Kommandodeck gemeinsam und verteilten sich wortlos auf ihre angestammten Plätze - Beka ging zum Pilotenstand, Tyr aktivierte die taktische Station.

Harper trudelte als letzter ein, überraschte mit der Nachricht, dass Trance nachkäme.

Dylan drehte sich halb zu seinem Ingenieur um und stichelte. "Was macht der Kristall, Mr. Harper? Irgendwelche Neuigkeiten?" Andromeda hatte ihn bereits über den kleinen Vorfall im Machine Shop informiert.

"Boss, wieso fragen Sie, wenn unsere reizende KI Ihnen sowieso schon alles verraten hat?" Harper schnitt eine Grimasse, erklomm den Laufsteg und aktivierte seine Zugangsberechtigung an seiner Station.

Die Kern-KI erschien auf dem ihr vorbehaltenen Teil des Panaromabildschirms. Mit der ganzen Würde, zu der sie fähig war, erklärte sie: "Ich verrate nicht, Mr. Harper. Ich informiere lediglich den Captain über Ihre Fortschritte."

Beka senkte den Kopf, damit nicht jeder sofort ihr Grinsen sehen konnte.

"Das kommt wohl auf den Standpunkt an", maulte Harper.

"Ich weiß Andromedas Aufmerksamkeit sehr wohl zu schätzen, Mr. Harper." Auch Dylan grinste, gab sich aber alle Mühe, es sich nicht anmerken zu lassen.

"Slipstreamereignis", meldete die Kern-KI und Rommie ergänzte. "Der Signatur nach handelt es sich um eine Commonwealth Kurierdrohne."

Natürlich, eine Drohne. Der Planet, den Trance als neue Heimat für die Magira ausgesucht hatte, befand sich nicht nur abseits aller bekannten und benutzten Slipstreamrouten, sondern war zusätzlich noch von einem Gürtel an Gasriesen umgeben. Niemand, der etwas von Navigation verstand, würde sich freiwillig nach Spyridon B-2 verirren. Außer, er wusste von der Existenz des einzigen bewohnbaren Planeten im Umkreis vieler Slipstreamsprünge.

"Wer schickt uns in diese Einöde eine Drohe nach?" Beka klang überrascht.

"Jemand, der weiß, dass wir uns hier aufhalten." Tyr gelang es wie üblich, seine Antwort überheblich klingen zu lassen.

"Rufe interaktive Nachricht ab und starte - jetzt", ertönte Andromedas Stimme, dann erschien bereits das rotierende Commonwealthzeichen auf dem mittleren Teil des Panoramabildschirms und wurde umgehend ersetzt durch die Gesichtszüge von Jane Rollins, der Stellvertreterin des Kriegsministers.

Rollins gehörte zu der Kategorie von Menschen, mit der Hunt nicht warm wurde; sie war zu sehr Politikerin und damit ohne jeglichen Humor. Unfreiwilligen ausgenommen. Und die Tatsache, dass ausgerechnet sie ihm eine Kurierdrohne hinterhergeschickt hatte, ließ in seinem Magen ein Gefühl der Beunruhigung wachsen. Nachdenklich starrte er die interaktive Abbildung an…

…auch diesmal sah Jane Rollins wieder aus, als hätte sie einen Spazierstock verschluckt. Beka rümpfte missbilligend die Nase; sie wunderte sich darüber, ob Rollins wohl Nanobots dazu benutzte, damit ihre Haare den gleichen traurig-glatten Eindruck machten wie ihre ganze Person.

"Captain Hunt. Sie machen es uns nicht leicht, Ihren Aufenthaltsort festzustellen. Sie und die Andromeda Ascendant sind bereits seit beinahe drei Wochen nicht mehr gesehen worden."

Verletzte Eitelkeit? Weil nur wenige Geheimnisträger im Commonwealth wussten, wo genau die neue Ansiedlung der Magira erfolgen sollte und Rollins nicht zu diesem erlauchten Kreis gehörte? Dylan entschied sich für einen neutralen Gesichtsausdruck und die Wahrung von Umgangsformen.

"Rollins, auch ich freue mich, Sie wieder zu sehen. Und was unser Verschwinden angeht - jeder ab Sicherheitsstufe 7 hat Einblick in meine Befehle. Auch in die inoffiziellen."

Das interaktive Abbild der Commonwealthpolitikerin nickte leicht. "Zwei Dinge, Captain. Haben Sie jemals vom Schleier der Kaiserin gehört?"

"Das ist ein… vedranischer Mythos." Hunt runzelte die Stirn. "Seit wann glauben Sie an Märchen, Rollins?"

"Seit unsere Aufklärung nietzscheanische Botschaften abgefangen hat, in dem davon die Rede war. Was wissen Sie von diesem Schleier?"

Dylan kratzte sich am Kinn, versuchte, Zeit zu gewinnen. Zu seiner Zeit auf Tarn-Vedra hatte es Gerüchte über den Schleier der Kaiserin gegeben; die einen sprachen von einer sagenhaften Super-Waffe, mit der Tarn-Vedra angeblich vor Angriffen aller Art geschützt werden konnte, die anderen von einem Gerät, das Energie unbegrenzt vorhalten konnte und daher den, der es besaß, für immer von Rohstoffen unabhängig machen würde. Allerdings hatte es damals - vor allem bei den nichtvedranischen Allierten - Zweifel gegeben, ob dieses Wunderding tatsächlich existierte, denn niemand kannte jemand, der jemand kannte, der in der entsprechenden wissenschaftlichen Sektion arbeitete oder geschweige denn dieses Wunderwerk jemals in Aktion gesehen hatte. Mit dem Fall waren die Erinnerungen an das Gerücht aus seiner Kindheit und Jugend völlig aus Dylans Bewusstsein verschwunden - bis jetzt.

"Es soll ein Verteidigungsinstrument gewesen sein, mächtiger als Novabomben… stationiert auf Tarn-Vedra zum Schutz der Kaiserin", meinte er zögerlich. "Wie kommen die Nietzscheaner überhaupt an diese Informationen?"

Rollins zuckte mit den Schultern. "Auch Nietzscheaner waren damals zu Gast auf Tarn-Vedra und haben ihr Wissen weitergegeben - wie alle Überlebende des Falls."

Dylans Augenbrauen trafen beinahe mit seiner Haarlinie zusammen. Rollins Worte ließen für seinen Geschmack zu viel Raum für Interpretation. Von welchen Überlebenden sprach sie? Doch Rollins hatte das erste Thema bereits abgehakt und begab sich direkt zum zweiten Teil ihrer Mission.

"Wie auch immer, Captain Hunt, es ist meine Pflicht, Ihnen einen Befehl des Kriegsministers zu übermitteln. Ich habe Sie offiziell darüber zu informieren, dass eine Beschwerde der Drago-Kazov eingegangen ist. Kommandant..." Sie senkte die Augen, um den Namen abzulesen, "Ataturk hat eindeutige Beweise vorgelegt, dass Ihr Schiffsavatar, Ihr Bordingenieur und Ihr nietzscheanisches Crewmitglied am Aufstand auf Terra vor mehr als einem Standardjahr ausschlaggebend beteiligt waren."

Erzähl' mir etwas, das ich noch nicht weiß. Erst der Schleier, dann die Draganer. "Das war, bevor es das Neue Commonwealth gab. Wo ist das Problem, Rollins?", sagte Dylan kurz angebunden.

"Hierin liegt das Problem, Captain Hunt." Wieder nickte Rollins und die Darstellung auf dem Monitor änderte sich. "Und versuchen Sie nicht, die Übertragung abzubrechen."

"Wie? Was zum…?" Dylans Verblüffung über den seltsamen Befehl schlug innerhalb von Sekunden in Entsetzen um. In schneller Folge prasselten Bilder von Straßenschlachten auf die Anwesenden ein, dazwischen Aufnahmen von zerstörten Gebäuden, dann ein schneller Schnitt auf eine Gruppe zerlumpt aussehender Menschen, die altertümliche Projektilwaffen auf unsichtbare Ziele abfeuerten, Schreie, ein harsches Kommando, der Bildschirm glühte grell auf; in der nächsten Einstellung war aus der Gruppe Menschen ein Häufchen Toter und wimmernder Verletzter geworden. Hunt registrierte, wie hinter seinem Rücken jemand laut Luft holte, als der Bildausschnitt eine aufgebrachte Menschenmenge zeigte, die mit erhobenen Fäusten brüllte und auf die die Kamera in Großaufnahme zoomte. Der Reigen unerquicklicher Bilder zog sich in die Länge. Bekas Unterlippe zitterte, als sie mit großen und verdächtig glitzernden Augen eine Reihe von weinenden Kindern sah, die Tyr, der als einziger von den Bildern halbwegs unberührt zu sein schien, mit dem ihm eigenen Instinkt sofort als nietzscheanische Sprösslinge erkannte.

Gerade hatte Dylan sich so weit erholt, der Aufforderung Rollins' zum Trotz den Befehl zum Abbruch der Übertragung zu geben, als der Ton verstummte und das Bild mit den weinenden Kindern als Hintergrund einfror. Darüber wurde das Gesicht eines erwachsenen Nietzscheaners eingeblendet, dessen gebleichte Knochenklingen an den vor der Brust gekreuzten Armen deutlich von der schwarzen Farbe seines Oberteils abstachen. Er hatte ansprechende Gesichtszüge, die von einem dunkelblonden Vollbart und klaren blauen Augen dominiert wurden, doch sobald er zu sprechen begann, war alle Sympathie verflogen.

"William Ataturk, Kommandant der Fierce Warrior und Erster Sohn von Quotemoc, Flottenadmiral der Drago-Kazov. Was Sie gerade gesehen haben, waren Bilder von Terra, Midden und dem Alpha Centauri-System."

"Sklavenwelten", hörte Dylan hinter sich jemanden murmeln. Harper, unzweifelhaft.

"Tributwelten", korrigierte eine weitere Stimme leise, aber bestimmt. Ebenso unzweifelhaft Tyr.

Betont gelangweilt fuhr der Nietzscheaner auf dem Bildschirm mit einer Hand durch seinen Vollbart. "Im Namen des Stamms der Drago-Kazov beschuldige ich, William Ataturk, Captain Dylan Hunt und die Crew der Andromeda Ascendant, am Ausbruch der Rebellion auf unseren Tributwelten maßgeblich beteiligt gewesen zu sein. Wir haben Beweise, dass drei seiner Crewmitglieder sich zu dem Zeitpunkt auf Terra aufhielten, als dort der erste kleine Aufstand begann." Der Kommandant nickte leicht und gab damit für jemand, der sich außerhalb des Erfassungsbereichs der Videosensoren aufhielt, ein Zeichen. Über dem Kopf Ataturks erschienen daraufhin die Bilder von Rommie, Harper und Tyr, aufgenommen von Überwachungskameras auf Terra. Keine gute Qualität, aber einwandfrei erkennbar. Dylan seufzte innerlich und versuchte, sein zunehmend schlechtes Gefühl zu ignorieren.

"Das war kein kleiner Aufstand, sondern ein Freiheitskampf!" Harpers Stimme tönte laut über das gesamte Kommandodeck.

Dylan wandte den Blick von der statischen Nachricht Ataturks ab und sah, dass es in den Augen des Bordingenieurs glitzerte - Tränen des Zorns, vermutlich. Harper war Betroffener, im doppelten Sinne. Terra war seine Heimatwelt und die Reste seiner Familie waren noch dort, litten unter den langen Jahrhunderten der nietzscheanischen Schreckensherrschaft.

Ataturk fuhr nach einer Kunstpause fort. "Ich bin sicher, dass das High Guard Command es begrüßen würde, wenn die Aufständischen Erfolg hätten. Doch was Sie als Freiheitskampf betrachten, bedroht die Stabilität unserer Verteidigungslinien. Was Sie heroisieren, gefährdet hochgradig die Sicherheit unserer Familien. Natürlich ist es das, was Sie wollen, nicht wahr?" Der Nietzscheaner wirkte jetzt leicht amüsiert. Der Kerl hätte Schauspieler werden sollen, dachte Dylan widerwillig und beinahe anerkennend. "Aber wollen Sie das wirklich? Ein Universum ohne den Schutz der Drago-Kazov? Wer soll Euch Kluges zu Hilfe kommen, wenn das Magogweltenschiff eines Tages kommt? Eure Insektenfreunde? Oder Eure so genannten nietzscheanischen Verbündeten? Schwächlinge wie die Sabra-Jaguar? Glauben Sie wirklich, Ihr famoses Neues Commonwealth könnte es mit Milliarden hungriger Magog allein aufnehmen?"

Gerade als Hunt sich fragte, was Ataturk damit bezweckte, außer die Anzahl seiner Todfeinde im Sekundentakt zu erhöhen, schoss dieser seinen letzten Pfeil ab.

"Wir können nicht zulassen, dass durch das Eingreifen von Captain Hunt, seiner Crew oder anderer Institutionen des Commonwealths in die inneren Angelegenheiten unseres Volkes das gesamte Gleichgewicht der Galaxien zerstört wird. Sollte die Andromeda oder das Commonwealth also noch einmal die Grenze zu unserem Territorium verletzen oder sich in Dinge einmischen, die nur uns etwas angehen, bedeutet dies die sofortige Kriegserklärung. Ataturk out."

Die Darstellung Ataturks fror ein und verschwand, wurde durch Rollins ersetzt. "Captain, wie hat Ihnen die Show gefallen?"

Dylan unterdrückte den Impuls, Rollins die Meinung zu sagen.

"Diese Nachricht erhielten wir vor wenigen Tagen. Der Aufstand der Menschen blieb nicht auf Terra beschränkt, wie Sie wissen. Nicht, dass dieser Umstand dem Neuen Commonwealth nicht zu Gute käme..." Rollins zeigte zum ersten Mal, dass mehr in ihr steckte als ein verknöcherter Bürokratenhintern. "Wir können jedoch zum gegenwärtigen Zeitpunkt weder Partei für die Aufständischen ergreifen noch können wir es uns leisten, in Kriegshandlungen mit den Drago-Kazov verwickelt zu werden. Sie verfügen über..."

"Ja, ja, ich weiß, den größten unabhängigen Flottenverband", vollendete Dylan Rollins' Satz zähneknirschend, begleitet von einer ungeduldigen Handbewegung. Er hasste Katz-und-Maus-Spiele, solange er die Maus war. Eine beinahe zwei Meter große und 100 kg schwere Maus, aber immer noch die Maus.

Die stellvertretende Ministerin musterte den Vorzeigecaptain des Commonwealth einen Moment lang mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck. "Sie werden sich von allen Aktivitäten, die die Drago-Kazov betreffen, persönlich fernhalten. Zuwiderhandlungen ziehen Konsequenzen nach sich. Das ist ein Befehl. Rollins out."

"Verifizierung übermittelt und bestätigt", ergänzte Andromeda überflüssigerweise. "Dies ist ein gültiger Befehl."

"Vielen Dank, Andromeda." Die Spur Sarkasmus in Hunts Stimme reichte aus, um die Videoabbildung der Kern-KI von weiteren Kommentaren abzuhalten und ihre übliche, abwartende Haltung anzunehmen.

Der Hauptschirm wurde schwarz. Selbsttätig schaltete Andromeda auf Außenübertragung um.

"Arrogante Ziege", hörte Dylan sich selbst murmeln.

Beka holte tief Luft und schüttelte den Kopf. "Phew. Wusste gar nicht, dass Sie fluchen können. Das kann einem glatt den Appetit verderben. Bürokraten und Völker mordende Nietzscheaner."

"Mir fallen noch ganz andere Dinge ein, die ich zum Thema Nietzscheaner sagen könnte", meinte Dylan mit einem Seitenblick zu Tyr, in dessen Richtung er beiläufig ergänzte: "Anwesende wie immer ausgenommen." Dann wandte sich er sich äußerlich ruhig den anwesenden Mitgliedern seiner Crew zu. Zum Glück hatte Trance das Elend nicht mit ansehen müssen. "Alle soweit ok?"

Beka nickte andeutungsweise, Rommie brauchte er nur anzusehen und Tyr machte den üblichen stoisch-gelassenen Eindruck. "Gut."

Harper, aus dessen Gesicht alles Blut gewichen war, schien dagegen unter irgendeiner Art von Schock zu stehen.

"Harper? Was ist los?" fragte Dylan.

Der kleine Ingenieur starrte den ihn um zwei Kopflängen überragenden Hunt zunächst wortlos, dafür mit großen Augen an. Seit er die Bilder gesehen hatte, befand Harper sich in emotionalem Aufruhr. Mit der Urgewalt eines Sonnensturms waren die Erinnerungen an seine Vergangenheit zurückgekehrt und mit ihnen die Gefühle, die er lange Zeit unterdrückt hatte.

Harper war wütend auf die Nietzscheaner, dass sie es wagten, sich selbstherrlich über die Befreiungsversuche der von ihnen unterdrückten Menschen zu beschweren. Wütend über die Ungerechtigkeit. Wütend auf die Angst und den Terror, den er als Kind auf der Erde erlebt und überlebt hatte, ständig auf der Flucht vor den Nietzscheanern, die Terra seit dem Fall des Commonwealth und dem Abzug der Magog besetzt hielten und im Handumdrehen aus einem blühenden Juwel eine Müllwelt mit ätzendem Regen, vergifteter Atmosphäre und hungernden Menschen gemacht hatten. Der halbwüchsige Seamus Zelazny Harper hatte den Tod seiner Eltern miterlebt und sich geschworen, den Alptraum Erde zu überleben, doch erst als jungem Erwachsenen war ihm die Flucht von Terra gelungen - mit Hilfe von Beka und ihrem früheren Partner Bobby Jensen. Harper hatte alles zurückgelassen, auch das, was ihm auf der Erde noch lieb gewesen war, den letzten lebenden Verwandten, seinen Cousin Brendan Lahey. Dieser Umstand war das einzige, was das Triumphgefühl über die gelungene Flucht getrübt und Harper beschäftigt hatte. Als er in seinem zweiten Jahr an Bord der Andromeda endlich wieder eine Nachricht von Brendan erhalten hatte, in der dieser um seine Hilfe und die seiner neuen mächtigen Freunde gebeten hatte, hatte Harper Dylan zu einer Rettungsaktion für die Erde überredet. Leider war das Timing alles andere als günstig gewesen - einer Laune des Göttlichen entsprechend, hatten ausgerechnet Nietzscheaner vom Stamm der Sabra-Jaguar die Unterstützung der Andromeda eingeklagt, die ihnen als Unterzeichner der Commonwealth-Charta zustand, um mit den Drago-Kazov einen aussichtslosen Krieg zu beginnen. Dylan musste den Sabra-Jaguar beistehen, hatte aber Harper die Möglichkeit gegeben, mit der Maru zur Erde zurückzukehren, nach seinem Cousin zu suchen und die nietzscheanischen Bodentruppen aus ihren Depots hervorzulocken. Der Plan hatte vorgesehen, dass Andromeda nachkommen und die nietzscheanischen Einheiten aus dem Orbit unter Beschuss nehmen würde. Rommie hatte Harper damals begleitet. In dem festen Glauben an Dylans Versprechen hatte Harper seinen Cousin Brendan und dessen Leute zu einem Aufstand gegen die nietzscheanischen Unterdrücker überredet. Doch Dylan und die Andromeda waren nicht gekommen, weil sie in langwierige Kampfhandlungen mit den Draganern verwickelt waren. Das einzige Zugeständnis war Tyr gewesen, der die Botschaft in einem Slipfighter überbracht hatte. Nur mit knapper Not waren Harper, Rommie und Tyr dem Chaos entkommen, das auf Terra ausgebrochen war. Danach war das Verhältnis von Harper zu Dylan eine Weile nicht mehr dasselbe gewesen. Auch wenn der rationale Teil Harpers Gehirn nachvollziehen konnte, dass Dylan keine andere Wahl gehabt hatte, als sich in den nietzscheanischen Bruderkrieg einzumischen, um sein großes Ziel, die Wiedererschaffung des Commonwealth zu erreichen, hatte die Bitterkeit und das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein, einige Zeit angehalten und waren nur zögerlich abgeebbt. Harper hatte seinen Cousin nach dessen letzter Nachricht, in der er alle Menschen auf allen von Nietzscheanern unterdrückten Welten zum Aufstand aufrief, für tot gehalten. Bis vor wenigen Minuten. Harper war der festen Überzeugung, seinen Cousin in den Aufnahmen der protestierenden Menschenmenge gesehen zu haben und mit einem Mal war alles wieder präsent - die Angst, der Terror, die Hilflosigkeit, der Frust und zudem noch eine Menge Zorn. Auf die Nietzscheaner - und auf Dylan. Und eine große Portion wilde Hoffnung.

"Ich habe Brendan in den Aufzeichnungen gesehen", erklärte Harper trotzig.

"Brendan?" echote Dylan, völlig überrascht. "Das kann nicht sein, Harper. Ihr Cousin ist…" Dylan brachte es nicht fertig, den Satz zu beenden.

"Wer sagt, dass er tot ist? Wir haben das geglaubt, damals, nachdem wir seinen Aufruf gesehen haben. Aber gewusst haben wir das nicht!" Harpers Reaktion war heftig.

Umso wichtiger, folgerte Dylan, dass einer von uns jetzt einen kühlen Kopf behält. "Rommie? Aufzeichnung nach Harpers Cousin durchsuchen."

"Schon dabei." Auf ein paar Eingaben Rommies liefen die Schreckensbilder erneut ab, allerdings in einer so hohen Geschwindigkeit, dass keine Einzelheiten zu erkennen waren. Nach wenigen Sekunden stoppte der Schnelldurchlauf, der Bildausschnitt zoomte auf die protestierende Menschenmenge, holte ein bestimmtes Gesicht aus den vordersten Reihen, vergrößerte und verschärfte es, während parallel dazu Brendans Gesicht aus dessen letzter Nachricht auf dem Bildschirm erschien. Ein Scan tastete gleichzeitig beide Abbildungen ab, darunter markierte ein Balken den Fortschritt der Analyse.

Niemand auf dem Kommandodeck sprach ein Wort, während die Analyse lief. Tyr und Beka hielten flüchtigen Blickkontakt, während Dylan und Harper auf den Hauptschirm starrten, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Harper, der felsenfest davon überzeugt war, seinen Cousin wieder erkannt zu haben und der diese zweite Chance nicht ungenutzt lassen würde, komme, was da wolle. Dylan, der insgeheim darum betete, dass der Vergleich keine Überstimmung ergab, um die Komplikationen, die er für den anderen Fall fürchtete, zu vermeiden.

Als die Analyse beendet war, leuchtete der Fortschrittsbalken grün auf und fünf Buchstaben erschienen: Match. Das Gesicht in der Menge war Brendan Lahey.

"Ich wusste es!" rief Harper triumphierend und stieß einen schrillen Schrei aus. "Whohoo!"

Dylan sah zu Rommie hinüber. Wie konnte Brendan den Gegenschlag der Nietzscheaner im menschlichen Ghetto von Boston überlebt haben? Die Androidin spürte die Bedrängnis, in der Dylan sich befand, konnte aber an den Fakten nichts ändern. Der Mann war und blieb Harpers Cousin.

"Umgebung untersuchen, Rommie. Woher stammen diese Aufnahmen? Wie alt sind sie? Wie echt sind sie?" Dylan klammerte sich an die Hoffnung, dass die Bilder alt waren, aufgenommen vor dem Aufstand auf Terra.

Leider nahm Andromeda Dylan diese Hoffnung. "Die Bilder scheinen ein Zusammenschnitt aus verschiedenen Nachrichtensendungen zu sein und enthalten digitale Marken des neuesten Datums. Eine Manipulation des Bildmaterials ist nicht feststellbar. Aus den Umgebungsdaten würde ich als Ursprung der betreffenden Sequenz auf den Planeten Erde schließen."

"Wie um alles in der Welt-?" begann Dylan, doch Harper fiel ihm ins Wort.

"Sie sind ein schlechter Verlierer", meinte er, immer noch im Hochgefühl badend.

"Mr. Harper, ich verstehe Ihre Freude." In Dylans Stimme schwang Autorität mit, mit der er seine aufkeimende Unsicherheit überspielte. Er konnte sich genau vorstellen, worauf dieses Gespräch hinauslaufen würde - und er hatte Angst davor. Weil er Harpers Herzenswunsch nicht würde erfüllen können. "Und was, meinen Sie, passiert jetzt? Schön, Sie haben Ihren Cousin wieder erkannt, er lebt offenbar und sorgt dafür, dass die Nietzscheaner harte Zeiten erleben. Und jetzt?"

"Jetzt können wir ihn retten." Verständnislos starrte Harper seinen Captain an. Sah er denn die völlig unerwartete zweite Chance nicht?

"Wie stellen Sie sich das vor?" Dylan stemmte die Hände in die Seite, entschlossen, die Flamme der Hoffnung, die er in Harpers Augen sah, möglichst klein zu halten.

Harper war ohnehin auf dem Ohr der Vernunft die meiste Zeit schwerhörig; heute hingegen war er taub. "Hey, ist das hier das mächtigste Kriegsschiff der drei Galaxien oder nicht?"

"Das geht nicht. Sie haben gehört, was Rollins sagte." Ruhig bleiben, Dylan.

"Sie wollen doch nicht etwa sagen, dass…?" Harper blieb vor Frust und Entsetzen beinahe der Mund offen stehen.

"Doch, genau das. Es geht nicht. Ende der Diskussion."

"Was heißt das, es geht nicht? Natürlich geht es. Dylan, Sie sind mir das schuldig!" Harper hatte das Gefühl, als hätte er im Slipstream eine falsche Abzweigung genommen. Das hier war so falsch, wie es sich nur falsch sein konnte. Und absolut nicht das, was er wollte, nämlich eine zweite Chance, seinen Cousin zu retten.

Dylan verzog zwar keine Miene bei Harpers Worten, aber innerlich stöhnte er. Genau das hatte er befürchtet. Harper appellierte an sein schlechtes Gewissen wegen des nicht eingehaltenen Versprechens. "Mag sein, Mr. Harper, das ich Ihnen tatsächlich etwas schuldig bin - aber ich schulde dem Commonwealth Gehorsam. Man hat mir soeben verboten, mich in die inneren Angelegenheiten der Drago-Kazov einzumischen. Und Tributwelten sind innere Angelegenheiten."

"Das kann nicht Ihr Ernst sein. Sie lassen doch sonst alles stehen und liegen, wenn jemand an der Türe klingelt und um Hilfe bittet. Sie müssen einfach!" Harper verstand nichts mehr und spürte, wie die Adrenalinausschüttung das Blut in sein Gesicht trieb. Verbunden mit dem Steigen des Hormonspiegels nahm der uralte Mechanismus, der die menschliche Evolution seit Jahrmillionen begleitete, seine Arbeit auf: Mobilisierung aller Kraftreserven bei gleichzeitiger Reduzierung des Denkvermögens, bis das Wesen des Menschen nur um den einen elementaren Instinkt kreiste: Flucht oder Angriff. Wie viele Male hatte Harper diesem Instinkt sein Leben zu verdanken? Damals, im menschlichen Ghetto von Boston, immer auf der Flucht vor den nietzscheanischen Bewachern?

"Ich muss gar nichts, Harper. Ich kann nicht. Was nicht bedeutet, dass ich das, was wir alle ansehen mussten, gutheiße", grollte Dylan, dessen Geduldsvorrat rapide zur Neige ging. Erst Rollins mit ihrer Märchenstunde, dann der aufgeblasene Nietzscheaner, der lächerliche Befehl vom High Guard Command und jetzt Harper, den er noch nie zuvor so erlebt hatte. Er entdeckte eine Seite an dem ansonsten umgänglichen Ingenieur, die ihm nicht besonders gefiel.

Flucht oder Angriff, Seamus? Noch ein tiefer Atemzug. "Ich begreife es nicht. Sie haben ihn schon mal im Stich gelassen - und jetzt wieder? Wegen eines dummen Befehls?"

"Seamus", versuchte Beka zu vermitteln, die das Desaster kommen sah, doch Dylan beschwichtigte sie mit einer Handbewegung. Das hier ging nur ihn und Harper etwas an, die anderen waren zufällige Zeugen. Er versuchte erneut, an Harpers Vernunft zu appellieren.

"Harper, beruhigen Sie sich. Wir wissen doch noch nicht einmal, ob-"

"Ich will mich nicht beruhigen! Ich will, dass wir Brendan helfen."

"So helfen Sie ihm jedenfalls nicht, Mr. Harper. Wir wissen ja noch nicht einmal, wie hoch der Wahrheitsgehalt dieser Bilder ist."

"Rommie hat gesagt-"

"Ich weiß, was Rommie gesagt hat, Harper, verdammt noch mal." Dylan hatte die ständigen Unterbrechungen satt. "Sie werden sich jetzt wieder beruhigen, dann können wir dieses Gespräch fortsetzen. Das ist ein Befehl."

Harper schnaufte, als er mit dem letzten Fetzen Rationalität die Ironie hinter Dylans letzten Worten erkannte. Das ist ein Befehl. Jawohl, und zwar zum Angriff. "Wissen Sie was, Dylan? Ich habe es satt! Immer müssen wir das tun, was Sie für richtig halten. Sie sind keinen Deut besser als dieser arrogante Über-Fürst!" Es klang entschlossen, trotzig und dennoch ein bisschen traurig. Tyr schnaubte, als er Harpers Ausbruch hörte, und es hörte sich amüsiert an. Menschen und ihre Nicht-Kontrolle über die elementarsten Verhaltensweisen.

Die Trauer und die Verzweiflung, die Dylan hinter Harpers heftigen Worten spürte, hielten ihn von einer schärferen Reaktion ab. Dennoch gab es nur eine Antwort, um seine eigene Würde als Captain zu wahren und diese Geschichte zu einem vorläufigen Ende zu bringen.

"Tyr, begleiten Sie Mr. Harper in sein Quartier. Dort kann er bleiben, bis er sich wieder beruhigt hat."

Harper warf Dylan einen wütenden Blick zu, als Tyr dem Ingenieur einen Klaps auf die Schulter gab und wortlos mit dem Kopf in Richtung Ausgang deutete.

Beka ließ die Steuereinheit für den Slipstream demonstrativ in Ruhestellung einrasten. "Tja, so wie ich das sehe, wird das im Moment wohl nichts mit dem Abflug. Ich werde dann mal nach der Maru sehen... kleines technisches Problem", meinte sie entschuldigend und trat hastig den Rückzug an. Ungläubig starrte Hunt ihrer schlanken Gestalt hinterher und fragte sich zum hundertsten Male, ob er die Verhaltensweisen der ehemaligen Bergungscrew jemals verstehen würde. Er sah jedoch davon ab, Beka vom Verlassen des Kommandodecks abzuhalten.

Rommie musterte Dylan, die Lippen leicht geschürzt. "Was ist?" fragte Dylan, als er ihren Blick bemerkte. "Möchtest du vielleicht auch gehen? Oder mir erklären, was ich alles falsch gemacht habe?"

"Weder noch", erwiderte die Androidin ruhig und ignorierte ein eingehendes Kommsignal. "Mein Platz ist hier."

Einen Moment lang sahen die beiden sich an, Rommie von ihrer erhöhten Position auf dem Laufsteg und Dylan, der auf dem Boden davor, was dazu führte, dass sie sich auf gleicher Augenhöhe befanden. Zwei, deren gemeinsame Vergangenheit sie trotz aller Unterschiede tiefer verband, als ihnen manchmal lieb oder gar bewusst war. Ein Kiefermuskel zuckte leicht im Gesicht des Captains, ein Zeichen seiner Anspannung, das Rommie genauso selbstverständlich wahrnahm wie Hunts deutlich erhöhte Pulsfrequenz. Mochte Dylan sich alle Mühe geben, nach außen hin die Ruhe zu bewahren, seine Körpersignale sprachen eine andere Sprache.

"Wenn ich dir dennoch einen Rat geben darf?" ergänzte die Androidin vorsichtig und nahm endlich das eingehende Gespräch an, das seit einigen Sekunden auf Antwort wartete.

"Hochzeitsfahrten, Mordfälle - und Lebenshilfe?" fragte Dylan trocken. "Jederzeit, Rommie, sofern es keine Vorlesung zum Thema ‚Umgang mit Crewmitgliedern' ist."

"Du könntest Rev Bem um... Hilfe... fragen. Zufälligerweise habe ich ihn gerade in der Leitung." Sie lächelte tiefgründig.

"Zufällig, hm?" Hunt sah Rommie tief in die Augen. Konnten fünf Minuten wirklich so lang sein? "Na dann - auf den Schirm."


(5) ABSICHTEN

"Ich habe ihn schon lange nicht mehr so aufbrausend gesehen", meinte Beka und nahm lustlos einen Schluck lauwarmen Kaffee aus ihrem Becher. Sie saß im Aufenthaltsbereich der Maru auf einem der Barhocker an der Theke, die den Küchenbereich vom Rest des Raums trennte.

"Wen, Dylan oder den kleinen Professor?" erkundigte sich Tyr, der im angrenzenden Mannschaftsquartier lang ausgestreckt auf einer der unteren Koje ruhte.

"Dylan", war Bekas Antwort. "Und Harper hat es gar nicht gern, wenn du ihn Professor nennst."

"Nur, weil ein Löwe für einige Zeit seine Krallen nicht zeigt, wäre es ein Fehler zu glauben, dass er deshalb zahm ist", sagte der Nietzscheaner leichthin und überging ihren Einwand.

"War das ein Original-Nietzsche?" fragte die blonde Pilotin lächelnd.

"Nein. Ein echter Anasazi", meinte dieser und zeigte eines seiner seltenen Lächeln.

Fasziniert sah Beka ihn an, angezogen von der Attraktivität des Nietzscheaners, wenn er die Maske des Zynikers ablegte - was zu ihrem Leidwesen viel zu selten geschah.

"Ich dachte mir, dass ich Sie beide hier finden würde." Dylan stand auf einmal in der geöffneten Luftschleuse, die Hand am Querbalken abgestützt.

High Guard Timing, dachte Beka und spürte zu ihrer Verwunderung ein leichtes Gefühl des Bedauerns, dass ihre Zweisamkeit mit Tyr gestört worden war. Außerdem war es ihr unangenehm, wenn jemand sich unbemerkt an sie heranschleichen konnte - vor allem ein Mann von der Größe Dylans. Ein wenig heftig fiel daher ihre Reaktion auf sein plötzliches Erscheinen aus. "Lernt man das eigentlich an der Akademie?"

"Was?"

"Na das, das Anschleichen."

Hunts Blick versenkte sich in Bekas Augen als würde er seinen Ersten Offizier hypnotisieren wollen. "Eines meiner vielen Talente. Ich bin nicht nur wegen meines guten Aussehens Captain geworden."

"Wirklich? Ich dachte immer, das sei ein Kriterium bei der Vorauswahl." Bekas Schlagfertigkeit war nicht von schlechten Eltern.

Dylan grinste viel sagend. Die Intensität seines Blicks ließ nach, während er eine vage Geste mit der Hand vollführte, mit der er sich nicht am Schott abstützte.

"Und, wenn Sie schon mal da sind - haben Sie entschieden, ob Sie Harper helfen wollen statt ihn einzusperren?" Beka überspielte die Gesprächspause und leerte mit Todesverachtung den Becher mit dem nahezu kalten Kaffee.

"Rev Bem ist im Moment bei ihm."

"Rev?" Beka blieb der letzte Schluck vor Überraschung im Hals stecken. Sie hustete. "Bem?"

"Er war zufällig in der Nähe." Dylan versuchte es zunächst mit Sarkasmus. "Im Ernst. Er erkundigte sich, was aus unserem Abschied geworden sei. Ich habe ihn um... Hilfe gebeten und mit einem Slipfighter holen lassen."

"Ich persönlich schätze die Geste, Dylan, ehrlich, nur Harper wird das nicht wirklich glücklicher machen, wenn der Kerl auf dem Bild wirklich sein Cousin ist", meinte Beka und stellte den leeren Becher auf die Theke.

"Ok, Beka, ich verstehe, dass Sie Feuer und Flamme dafür sind, die Drago-Kazov aufzumischen. Und auch, dass Sie Harper helfen wollen." Hunt verließ seinen Posten vor dem Schott und überquerte die Schwelle zum Aufenthaltsraum. "Aber wie genau stellen Sie sich das vor? Sollen wir Hals über Kopf und nur wegen eines Bildes in einen Krieg ziehen, den wir praktisch schon verloren haben? Was meinen Sie, was das Commonwealth mit uns machen wird?"

Beka spitzte die Lippen und sah sich angestrengt in ihrem kleinen Frachtschiff um.

Dylan verstand den unausgesprochenen Hinweis. "Come on, Beka, Sie wollen mir doch nicht ernsthaft erzählen, dass Sie mit diesem Rosteimer wieder auf glorreiche Bergungsfahrten gehen wollen? Hinwerfen nach all dem, was wir erlebt haben? Was wir alle erreicht haben?"

Die blonde Pilotin bemühte sich, ihr Grinsen nicht zu breit werden zu lassen; eigentlich war sie sauer auf Dylan, weil er Harper anscheinend nicht helfen wollte und den kleinen Professor jetzt in dessen Quartier zappeln ließ. Dennoch - in einem Punkt hatte Dylan Recht: die Konsequenzen waren nicht von Pappe, wenn sie sich auf so ein Abenteuer einließen. "Ok", knurrte sie. "Keine Hals-über-Kopf-Aktion."

"Ganz meine Meinung." Dylan war die Erleichterung deutlich anzusehen. Er lockerte seine Haltung und lehnte sich mit der Schulter an den Rahmen des Schotts. "Und Sie, Tyr? Was ist mit Ihnen? Es kann doch nicht in Ihrem Sinn sein, wenn Harper uns alle in so eine Kamikaze-Situation hereinreitet." Hunts Stimme bekam eine provokante Nuance, wie immer, wenn er nicht wusste, woran er bei Tyr war.

Der Waffenoffizier zuckte mit den Schultern. "Harper kämpft für seine Familie und um seine Ehre. Das sind Motive, die ich respektiere."

Das hätte ich mir denken können, seufzte der Captain innerlich. Der universelle nietzscheanische Lösungsansatz für alle Probleme. "Glauben Sie beide wirklich ernsthaft, ich würde Harper im Stich lassen?"

Unschlüssig sah Beka zu Tyr hinüber, der noch immer auf der untersten Koje lag. "Es wäre nicht das erste Mal", meinte dieser dann ruhig und sah Dylan direkt in die Augen.

Dylan nahm den verbalen Schlag gelassen hin. "Beka, Tyr, wir brauchen einen Plan. Einen verdammt guten. Und damit eins von vornherein klar ist: ich werde Andromeda nicht riskieren, um einem Phantom nachzujagen."

Das Interesse in Bekas Augen und die Tatsache, dass Tyr sich in einer geschmeidigen Bewegung in eine sitzende Position erhob, entschädigte Dylan zumindest teilweise für den Ärger, den er immer noch spürte.


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Unberührt von den Ereignissen auf dem Kommandodeck und anderen Teilen des Schiffes musterte Trance den vor ihr schwebenden Kristall. Seit sie ihn vor einiger Zeit zum ersten Mal gesehen und seine Macht gespürt hatte, war Trance davon überzeugt, dass er ein Schlüssel für etwas Bedeutendes war, etwas, das größer als sie selbst, das größer als die Andromeda war. Etwas, das vielleicht dazu beitragen konnte, das Böse zu besiegen, das die bekannten Galaxien bedrohte; vorausgesetzt sie käme hinter sein Geheimnis. Etwas, das sie Dylan anbieten konnte in der unausweichlichen Konfrontation mit dem Abyss, der Verkörperung des Bösen. Trotz der Vorkommnisse um Samsarra, als ihr eigenes Volk sich gegen Dylan und sein Commonwealth entschieden hatte, hielt Trance an der Überzeugung fest, dass sich ihr persönliches Schicksal und das dieses Universums hier an Bord dieses Schiffes erfüllen würden. Natürlich hatte sie Harper all das nicht sagen können. Nicht nur, weil sie sich scheute, direkte Lügen zu erzählen, sondern auch, weil Harper lieber nur von Tag zu Tag als in universellen Zusammenhängen dachte. Ein Erbe einer Kindheit, in der Überleben alles war und das Morgen ein Traum von einer besseren Welt war.

Trance' Gedanken kehrten zu dem Kristall zurück, der ruhig in der künstlichen Schwerelosigkeit schwebte. Ein Meisterstück vedranischer Handwerkskunst, ein Miniaturobelisk mit ebenmäßigen Kanten und Seitenflächen, so lang wie eine Handfläche, mit einem Kopfstück auf dem dickeren Ende, um den Kristall an eine Kette zu hängen. "Wenn du dich verteidigen kannst, bist du vielleicht gar nicht so tot wie alle glauben", murmelte sie. "Andromeda, was kannst du mir über vedranische Kristalle erzählen?"

Das Glitzern in der Luft kündigte die Erscheinung des Hologramms an. "Warum willst du das wissen?"

"Weil ich von allen meinen Patienten wissen möchte, welche Eigenarten sie haben." Ruhig sah Trance Andromeda an. "Manche Patienten sind in der Lage, auf Fragen zu antworten und manche nicht."

"Vorausgesetzt natürlich, sie sind lebendig." Die Skepsis über Trance' Theorie, der Kristall könnte lebendig sein, war Andromedas Stimme deutlich anzuhören.

"Bitte, Rommie. Keine militärischen Geheimnisse, nur das, was früher zugänglich war. Natürliches Vorkommen und Abbauverfahren und solche Dinge."

"Na schön. Ich suche." Das Hologramm schloss die Augen, während Trance begann, den Kristall zu umrunden.

Auf zwei der geschliffenen Seitenflächen waren für ihre scharfen Augen mühelos die eingravierten vedranischen Runen zu entziffern. "Argosy… Special Ops…" Eine Fläche schien leer zu sein, dann folgte auf der letzten die Buchstabenfolge, die den Rang des letzten rechtmäßigen Trägers des Kristalls bestimmte. "Rommie, kannst du noch etwas für mich tun? Scanne den Kristall mit deinen Sensoren, auch den medizinischen."

Das Hologramm öffnete die Augen und bestätigte. "Suche und scanne, aye."

"Hast du Heimweh nach Tarn-Vedra?" fragte Trance leise und näherte sich dem Kristall, bis sie mit der Nasenspitze beinahe das Schwerkraftfeld berührte. Die freie Fläche irritierte sie. Warum sollte etwas so geometrisch Perfektes einen solchen offensichtlichen Fehler wie eine nicht beschriftete vierte Seite aufweisen?

"Über die Herkunft der Kristalle ist wenig in meinen Datenbanken zu finden." Andromedas Hologramm klang unzufrieden. "Ihr natürliches Vorkommen war auf wenige Stellen auf Tarn-Vedra begrenzt; sie wurden unter der Wasseroberfläche des Hauptozeans in der nördlichen Hemisphäre abgebaut und in Speziallabors weiter bearbeitet."

Trance sah das Hologramm fragend an, das daraufhin ergänzte: "Tarn-Vedra besteht zu 64 % aus Wasser."

"Das heißt, er ist Feuchtigkeit gewöhnt", folgerte Trance. "Andromeda, bitte passe das Feld um den Kristall an die Meeresbedingungen von Tarn-Vedra an. Dichte, Temperatur, natürliche Strahlung."

Sie beobachtete, wie sich das Kraftfeld um den Kristall veränderte, flüssig zu werden schien und zu glitzern begann. Das Wasser, das den Kristall jetzt umgab, wirkte wie ein Vergrößerungsglas, und Trance' Grinsen vertiefte sich, als sie auf der scheinbar nicht beschrifteten Seite etwas entdeckte. Jetzt war die Harmonie des Kristalls wiederhergestellt. "Siehst du das, Andromeda?"

Das Hologramm erschien auf der gegenüberliegenden Seite des Untersuchungstisches und nickte.

"Kannst du das bitte auf den Monitor legen und vergrößern?"

Daraufhin leuchteten weitere vedranische Glyphen auf dem Bildschirm an der Wand auf.

Trance jubelte verhalten, während sie mit dem Entziffern begann. "Ich wusste es!"

"Was wusstest du, Trance…" begann Andromeda.

"Dieser Kristall ist nicht irgendein Kristall, Rommie. Ich bin mir ganz sicher, dass…" Sie kam nicht dazu, ihren Satz zu beenden, denn der Kristall glühte jäh zu blendender Helligkeit auf und sandte einen Impuls aus, der wie die Welle eines ins Wasser geworfenen Steins die Barrieren des Schwerkraftfeldes durchdrang, sich im Machine Shop ausbreitete und auf Trance zuflutete. Jegliche Energiequelle, mit der die Welle in Berührung kam, erlosch. Das Hologramm Rommies knisterte beim Kontakt mit den grünlichweiß geränderten Woge, flackerte und verschwand mit einem ungläubigen Gesichtsausdruck; der Monitor mit der Inschrift wurde schwarz; Trance erstrahlte grell und sank dann mit geschlossenen Augen auf den Boden der Werkstatt. Materielle Grenzen schien das Phänomen zu ignorieren, als es gegen die Wände des Machine Shops brandete und diese mühelos durchdrang.

Als die Woge den Machine Shop verlassen hatte und sich kreisförmig im gesamten Schiff ausbreitete, strahlte und funkelte der Kristall gleißend hell, während immer mehr Lichter und Anzeigen im Sog des Phänomens an Bord der Andromeda verloschen…


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Dylan, Beka und Tyr saßen einträchtig an Bord der Maru und brüteten über Möglichkeiten, Harper und seinem Phantom-Cousin zu helfen, ohne gleichzeitig in Konflikt mit dem expliziten Befehl aus dem Commonwealth-Hauptquartier zu geraten, als Andromedas Stimme hinter Dylans Ohr ertönte.

"Code Black. Komplettes Systemversagen. Code Black. Dylan, kannst du mich hören?"

Dylan zuckte bereits zusammen, bevor er den vollständigen Inhalt von Andromedas Warnung vernommen hatte.

"Was ist los, Dylan?" fragte Beka und sah Hunt befremdlich an, der seine Finger reflexartig an die Stelle seines Halses gelegt hatte, an der das Kommimplantat saß.

"Rommie, warum benutzt du nicht die Bordkomm-" Hunt erstarrte mitten im Wort, als sein Blick zufällig in Richtung Cockpit fiel. Entgeistert ließ er die Hand sinken, die sein Implantat mit Andromeda in all ihren Erscheinungsformen verband. "Vergiss' meine Frage, die Antwort ist soeben hier… angekommen", murmelte er und starrte auf das, was er wahrnehmen, aber nicht erklären konnte.

Etwas geschah an Bord der Maru; etwas grell Leuchtendes schwappte durch den Bug herein, riffelte die feste Materie des gesamten Frachtschiffes ebenso sichtbar wie die darin befindliche Atmosphäre und näherte sich unaufhaltsam den an Bord befindlichen Personen. Tyr besaß die Geistesgegenwart, rückwärts auszuweichen, bis er mit dem Rücken an der Wand anstieß, die das Mannschaftsquartier begrenzte. Beka erstrahlte zuerst sekundenlang in dem grünweißen Licht, das von der Erscheinung ausging, als dieses Etwas durch sie hindurchging, ohne dass sie zu Schaden kam. Mit verwirrtem Gesichtsausdruck und leicht geblendet sah sie, wie das Phänomen sich den beiden Männern näherte. Dylan hatte eine Hand am Holster mit der Kampflanze, unschlüssig, ob sie ihm nützen würde; er wurde als erster erfasst; anfänglich schien auch ihm nichts zu passieren, doch als das seltsame Licht seinen Kopf fast erreicht hatte, fasste er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an den Hals und krümmte sich, während die Erscheinung bereits ihre Wanderung fortsetzte und Tyr erreichte, dessen Konturen zunächst seltsam verzerrt wirkten, doch ihn passierte das grelle Licht ohne weiteren Zwischenfall. Genauso schnell, wie der Spuk begonnen hatte, war er vorbei. Die Luft hinter dem Phänomen schien sich zu glätten wie eine Wasseroberfläche nach einem Sturm. Außerdem hinterließ die Welle auf ihrem Weg durch die Maru auch hier verlöschende Lichtquellen, herunterfahrende Systeme und danach eine gespenstische Stille.

"Wow", meinte Beka aus der völligen Dunkelheit. "Was war das? Und was ist mit meinem Schiff passiert?"

"Was immer es war, hat uns völlig lahm gelegt", konstatierte Tyr. "Und diesen... Rosteimer ebenfalls."

"Das weiß ich selbst. Und sei vorsichtig, wen oder was du hier beleidigst--" Ein dumpfes Stöhnen brachte Beka abrupt auf andere Gedanken. "Dylan? Dylan, alles ok? Tyr, neben dir im Schrank, die Handlampen!" Sie tastete sich in der Dunkelheit in die Richtung vor, in der sie Dylan zuletzt gesehen hatte. Als ihre Finger auf weichen Stoff trafen, unter dem sich warm und straff Muskeln abzeichneten, folgten sie den Konturen.

"Beka, Vorsicht!" mahnte Dylans Stimme unvermittelt neben ihrem Ohr, ein wenig gepresst und amüsiert zugleich, viel näher als sie geschätzt hatte.

Beka errötete in der Dunkelheit, als sie Dylans Hand spürte, die ihre Finger abfingen und sanft in eine andere Richtung dirigierten. Ihr Gehirn vervollständigte unwillkürlich die Lage von Dylan auf dem Fußboden aus den bekannten Tatsachen… hastig zog sie ihre Hand zurück. Mit einem barschen "Also, was ist mit Ihnen?" versuchte sie, ihre Verlegenheit zu überspielen. Ein Krachen aus Tyrs Richtung ließ sie herumfahren. Eine willkommene Ablenkung. "Könntest du bitte versuchen, mein Schiff nicht noch mehr zu beschädigen?"

"Das halte ich angesichts des Zustandes, in dem sich dieses Gefährt befindet, für beinahe unmöglich", erwiderte Tyr lässig. Es schepperte noch mal. Vermutlich hatte der Nietzscheaner einfach den Schrank aufgebrochen statt sich mit dem Öffnen des Schlosses aufzuhalten, dann ging der Strahl einer kleinen Lampe an. Beka und Dylan, beide am Boden, kniffen geblendet die Augen zu. Die blonde Pilotin winkte Tyr näher. "Hier, leuchte dorthin", befahl sie dem Nietzscheaner, der ihre Aufforderung befolgte.

Dylan hatte eine Hand auf seine rechte Halsseite gepresst und senkte sie, als der Lichtstrahl auf ihn fiel. "Zu sehen ist nichts", meinte Beka nach einer flüchtigen Inspektion.

"Zu fühlen umso mehr", knurrte Hunt und richtete sich langsam auf. "Dieses… Etwas… muss das Implantat erwischt haben. Rommie? Rommie, hörst du mich?" Er wartete einige Sekunde. "Ich kann Andromeda nicht erreichen."

"Wenn diese Welle durch das gesamte Schiff gelaufen ist, würde es mich ausdrücklich wundern, sollte unsere KI davon verschont geblieben worden sein." Tyr drückte Beka die Lampe in die Hand und stapfte zur Luftschleuse hinüber. Er kannte sich im Dunkeln genauso auf der Maru aus wie bei Standardbeleuchtung, etwas, das er als unverzichtbar für sein Überleben erachtete. Nur eine unbekannte Umgebung barg Gefahren. Daher war es für den Nietzscheaner eine Leichtigkeit, die Klappe zu finden, hinter der sich die mechanische Betätigung für die Luftschleuse befand. Er musste wissen, ob die Atmosphäre im Hangar noch existierte und damit Zugang zur Andromeda bestand oder ob sie Gefangene auf der Maru waren...

Dylan stand etwas ungelenk vom Boden auf, akzeptierte Bekas Hilfe, die peinlich darauf achtete, wo sie ihre freie Hand hinlegte, während der Lichtstrahl aus ihrer Handlampe wild durch das Innere des Frachtschiffes tanzte. Noch während Tyr an der Luftschleuse arbeitete, setzte das charakteristische Summen der Maschinen ein; die Maru erbebte kurz, dann flammten der Reihe nach alle Lichter wieder auf und die Monitore zeigten mit einigen Sekunden Verzögerung normal funktionierende Systeme an. Dylan starrte um sich, dann rastete sein ganzes Wesen in das ein, was Beka manchmal spöttisch als "Captain Modus" bezeichnete. Automatisch trat sie ein paar Schritte zurück.

"Rommie… Andromeda… hörst du mich?" Sowohl das KommImplantat als auch Andromeda reagierten beim zweiten Versuch. Innerhalb von Sekundenbruchteilen erschien die vertraute Kopf- und Schulternabbildung auf dem Monitor im Aufenthaltsraum der Maru.

"Status?" Dylan zupfte am Kragen seines Pullovers.

"Eine Energiewelle hat das Schiff durchlaufen und die Systeme lahmgelegt. Ein vollkommenes Herunterfahren meiner KI wurde durch Notfallprotokolle verhindert. Die meisten Systeme sind am Rebooten. Überprüfe Schadensmeldungen."

"Schon eine Erklärung für diese Welle?"

"Negativ. Den Ursprung hatte dieses Phänomen allerdings in dem Machine Shop, in dem sich Trance und der Kristall befanden."

"Gut. Andromeda: schiffsweit."

"Aye, Captain", bestätigte das Abbild kurz.

"Achtung, hier spricht Captain Hunt." Dylan rieb sich mit einer Hand über die immer noch leicht schmerzende Stelle am Hals, während er im Laufschritt durch das Hangardeck hastete, gefolgt von Tyr und Beka. "Statusmeldungen. Alle Decks. Alle Personen. Sofort."


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"Heiliger Strohsack", nuschelte Harper einen weiteren seiner zahlreichen Anachronismen und befingerte vorsichtig die empfindlichen Stellen rund um seinen Dataport. Mann, war das ein Schmerz gewesen, als dieses Ding ihn dort gestreift hatte. Eine Sekunde lang hatte er geglaubt, in einer Neuauflage seines perseidischen Abenteuers erneut eine ganze Bibliothek zerlegt in handliche Bits und Bytes zum Frühstück serviert zu bekommen, doch als er im Dunkeln auf dem Boden seines Quartiers lag, war aus dem Schmerz ein erträgliches Brennen geworden. "Eines Tages wird dieser Port mich frittieren", knurrte der kleine Ingenieur und fuhr sich mit der anderen Hand durch die Haare, froh, dass die Haarspitzen nach oben zeigten. Wenigstens seine Frisur war also so, wie er es haben wollte.

"Harper?" Die Stimme von Rev Bem trug glücklicherweise dazu bei, Harper von seiner momentanen Aversion gegen seinen Dataport abzulenken.

"Alles im grünen Bereich, Rev. Zumindest bei mir. Was man von Andromeda..."

Unvermittelt gingen die Lichter wieder an.

"... nicht sagen kann... wollte ich sagen", vollendete Harper verblüfft seinen Satz.

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Während der Captain, der Erste Offizier und der Waffenoffizier der Andromeda durch die langen Korridore in Richtung Kommandodeck eilten, trafen in kurzen Abständen die Rückmeldungen aller von Crewmitgliedern besetzten Decks ein. Wie es schien, waren alle mit einem blauen Auge davon gekommen. Die meisten Systeme arbeiteten bereits wieder innerhalb der normalen Parameter inklusive Dylans Kommimplantat und Harpers Dataport; die an Bord befindlichen Personen waren mit einer Ausnahme wohlauf.

"Trance?" Hunt blieb unvermittelt stehen, als Andromeda berichtete, dass Trance auf dem Boden des Machine Shops lag.

Beka und Tyr stießen unfreiwillig aneinander bei ihrem Versuch, nicht auf Dylan aufzulaufen. Beka rieb sich die Stelle an ihrer Seite, an denen ihre Rippen schmerzhaft Bekanntschaft mit dem Gauss-Gewehr des Nietzscheaners gemacht hatten, das dieser von der Maru mitgeschleppt hatte. Sie schoss Tyr einen vorwurfsvollen Blick zu, den dieser mit einem Schulterzucken quittierte.

"Warum erfahre ich das erst jetzt?" fragte Dylan und ignorierte seinerseits den wortlosen Austausch zwischen seinen Offizieren.

Andromedas körperlose Stimme antwortete: "Trance' Nanobots scheinen defekt zu sein. Ich kann ihre Signale nicht empfangen."

"Das ist keine Neuigkeit", meinte Tyr und schulterte sein mehrläufiges Gauss-Gewehr, das jeden anderen an Bord mit Ausnahme von Rommie und Dylan allein mit ihrem Gewicht in die Knie gezwungen hätte, mit spielerischer Leichtigkeit. An jedem Ort, an dem Tyr sich mehr als 60 Sekunden seines Lebens aufhielt, hatte er ein Waffenlager angelegt. Nietzscheanische Paranoia oder Überlebensinstinkt, je nach Sichtweise. "Oder warst du jemals in der Lage, sie orten können?"

Andromeda beschloss, Tyrs Seitenhieb zu ignorieren, dafür klang sie ein wenig säuerlich. "Es herrscht ein für meine Sensoren ungünstiges Strahlungsniveau in besagtem Machine Shop, daher musste ich einen Arbeitsbot zur Verifizierung vorbeischicken."

Dylan runzelte die Stirn und schien zu überlegen.

"Wir müssen etwas tun!" meinte Beka besorgt.

"Natürlich, was dachten Sie denn? Tyr, Beka - Kommandodeck. Verschaffen Sie sich einen Überblick. Wenn es sein muss, bereiten Sie alles darauf vor, dass wir den Orbit kurzfristig verlassen können. Rev, machen Sie das Medizindeck klar und bringen Sie Harper mit. Andromeda, der Arrest für Harper ist aufgehoben. Zumindest vorübergehend." Hunt nickte Beka zu, die sichtbar zögerte, Dylans Befehl in die Tat umzusetzen. "Gehen Sie, Beka, ich brauche Sie auf dem Kommandodeck. Um Trance werde ich mich kümmern."

Wortlos nickte die schlanke Frau, dann drehte sie sich um und sprintete hinter Tyr her, der bereits auf dem halben Weg zum Kommandodeck war und sein Gauss-Gewehr feuerbereit im Anschlag hielt. In diesem Moment war Beka für die Waffenverliebtheit des Nietzscheaners dankbar.

 

(6) SCHADENSBEGRENZUNG

"COURAGE IS NOT THE ABSENCE OF FEAR,
BUT RATHER THE JUDGEMENT
THAT SOMETHING ELSE IS MORE IMPORTANT THAN FEAR."

High Guard Handbook of
Warfare Psychology, ca. CY 9015


Nicht zum ersten Mal seit dem Ende der Langen Nacht sehnte sich der emotionale Teil Andromedas zurück nach den "guten alten Tagen" des glorreichen Commonwealth. Nach jener Sorte von Tagen, in denen geordnete Einsätze, taktische Herausforderungen, ein paar Übungsgefechte, virtueller Datenaustausch mit anderen KIs und eine vollzählige Crew mit über 4.000 Mitgliedern zur Tagesordnung gehörten sowie ein Captain, der nicht im Stundenrhythmus zu riskanten Entscheidungen gezwungen war. Nach jener längst vergangenen Zeit, in der die Technik der Vedraner und ihr Einfluss aus das Commonwealth dafür gesorgt hatten, dass Künstliche Intelligenzen mit Persönlichkeitsprogrammen erschaffen wurden, die respektiert wurden, auch wenn sie nicht den gleichen Stellenwert hatten wie organische Lebewesen.

Stattdessen - resümierte Andromeda - war sie mit knapper Not einem Schwarzen Loch entkommen und musste danach mit der Erkenntnis fertig werden, die vermutlich letzte ihrer einstmals bewunderten Art zu sein. Sie hatte es mit einer anfangs aufsässigen Crew eines heruntergekommenen Bergungsschiffes statt mit gut trainierten Lancern zu tun und mit der schmerzlichen Erfahrung, dass Künstlichen Intelligenzen grundsätzlich mit Misstrauen und wenig Toleranz begegnet wurde.

Auf der Habenseite standen die Wiederherstellung des Neuen Commonwealth durch Dylan Hunt, ihren Captain, an dem die Strapazen der letzten Jahre allerdings nicht spurlos vorbeigegangen waren, und die Einsicht, dass die zunächst sieben, später nur noch sechs Lebewesen an Bord eher eine kleine Familie als eine Crew waren. Ihre Familie. Dennoch oder gerade deshalb vermisste Andromeda die Strukturen, die ihre Existenz vor dem Fall geprägt hatten. Das emotionale Minenfeld, das die sie umgebenden Beziehungen darstellten, verlangte ihrer auf Logik ausgerichteten Intelligenz in dem gleichen Maß harte Geduldsproben ab wie sie ihr gelegentlich schwere Enttäuschungen bescherten.

Andromeda verfügte nach beinahe drei Jahren über genug Erfahrung, um jegliche Wahrscheinlichkeit, die das Verhalten von Crewmitgliedern betraf, in Zahlen ausdrücken zu können. So lag die Wahrscheinlichkeit, dass Harper das tat, was Beka von ihm wollte, statistisch gesehen um einiges höher als die Chance, dass Trance auf eine direkte Frage sofort mit einer umfassenden Antwort oder gar der vollständigen Wahrheit rausrückte. Und sie konnte mit nahezu an 100 Prozent grenzender Gewissheit sagen, dass Dylan über das, was sie im Zusammenhang mit dem Kristall, der von ihm ausgehenden Energiewelle und deren Auswirkungen herausgefunden hatte, alles andere als glücklich sein würde.

"Dylan", meinte Rommie in Synchronisation zu den Überlegungen ihrer Zentral-KI, beendete ihre Berechnungen und sorgte dafür, dass ihre optischen Ausgabegeräte eines ihrer Hologramme auf dem Medizindeck vor dem Captain aufbauten. "Ich habe hier etwas, das dich und die anderen interessieren dürfte."

Etliche Decks von Rommie entfernt sah Hunt von der regungslosen Gestalt mit dunkelroten Zöpfen und blassgoldener Gesichtsfarbe auf, die auf einer Diagnoseliege lag, bis zum Hals mit einem dünnen Laken zugedeckt. "Bin schon unterwegs. Übernimm' die Überwachung von Trance." Während er den Raum verließ, nickte Hunt Rev Bem zu, der sich bemühte, den Anzeigen neben der Untersuchungsliege irgendetwas Sinnvolles zu entlocken. Nicht nur Trance' Worte waren manchmal verwirrend, auch ihre Lebenszeichen blieben ein Mysterium. Mit einem Seufzen legte der Magog den Handscanner zur Seite und folgte Dylan, der mit raumgreifenden Schritten Richtung Kommandodeck eilte.

***

Wenig später tigerte ein sichtlich angespannter Captain im Besprechungszimmer neben der Brücke auf und ab und versuchte, die Ergebnisse von Andromedas Überprüfungen kurz zusammenzufassen. Vor ihm saßen oder standen die restlichen Mitglieder seiner Führungscrew mit Ausnahme von Trance. Er registrierte, dass Harper demonstrativ am anderen Ende des Tisches Platz genommen hatte, so weit entfernt von Hunt wie möglich, und dort vor sich hinbrütete.

"Es sieht also so aus, als ob dieses Ding, mit dem wir es zu haben, das gesamte Schiff durchlaufen, alle Systeme außer Kraft gesetzt und zum Re-Start veranlasst hätte?"

Rommie nickte und griff den Faden auf. "Alle Standardsysteme funktionieren wieder - mit einer Ausnahme. Der Slipstreamantrieb." Wer Rommie kannte, konnte aus ihrem Tonfall schließen, wie unzufrieden sie mit der derzeitigen Situation war. Das mächtigste Raumschiff der Bekannten Galaxien - und mehr oder weniger manövrierunfähig.

Harper rutschte in seinem Sitz hin und her, die Arme vor der Brust verschränkt. Komm' schon, Romm-Doll, sag Dylan, dass du mich dafür brauchst…

"Andromedas Theorie ist", übernahm Dylan wieder, "dass die Welle, die uns alle durchlief, etwas gesucht und in den Slipstreamkontrollen… möglicherweise gefunden hat."

"Wollen Sie damit sagen, dass die Welle ein Bewusstsein hat?" vergewisserte sich in ruhigen Tonfall Rev Bem. Dylan drehte sich zu dem Magog um. Wie gut es tat, die ruhige Präsenz des Fatalfa - wenn auch nur für eine Weile - an Bord zu haben.

"Dazu ist es noch zu früh. Es könnte sich auch nur um eine raffinierte Programmierung handeln. Wir wissen lediglich, dass wir es mit einer Strahlungsquelle in einem Machine Shop und einem blockierten Antrieb zu tun haben. Harper, an die Arbeit. Finden Sie gemeinsam mit Andromeda heraus, was den Antrieb lahm legt. Beka, Sie checken, ob von dem Ausfall des Antriebs die Maru und die Slipfighter betroffen sind. Tyr - Sie bleiben mit mir auf dem Kommandodeck. Rev - Sie kümmern sich weiter um Trance. Solange Sie an Bord sind, heißt das. Wegtreten."

Harper grinste bitter. Hab' ich's nicht gesagt? "Dylan…" Er konnte nicht widerstehen.

Dylans Augenlider zuckten. Harper-Timing war gleichbedeutend mit schlechtem Timing. Sehr schlechtem Timing. "Kein Wort, Harper. Nicht. Ein. Einziges. Wort." Er hatte diesen Mit-mir-ist-im-Moment-nicht-zu-spaßen-Tonfall, den sogar Harper erkannte. "Darüber reden wir, sobald wir ein einsatzfähiges Schiff haben."

Zu seinem Leidwesen sah Harper eine gewisse Logik in Dylans Worten und trottete als letzter aus dem Besprechungszimmer.

***

"Immer noch nichts?" Harpers leise Stimme weckte Beka aus dem unruhigen Schlummer, in den sie nach stundenlangen, ermüdenden Systemchecks und noch längerem Sitzen an Trance' Seite gesunken war, den Kopf auf der Kante von Trance' Bett auf dem Medizindeck.

Das Gesicht des Ingenieurs tauchte vor Beka aus dem Dämmerdunkel auf, das auf weiten Teilen des Medizindecks herrschte, ein wenig bleicher als sonst und von den Anstrengungen der vergangenen Stunden gezeichnet. Immer noch gab es keine Erklärung für das Problem mit dem Slipstreamantrieb. Der Antrieb der Maru funktionierte hingegen einwandfrei, ein Widerspruch, der Andromeda - wenn sie es zugegeben hätte - bis in ihre elementarste Programmierung hinab ärgerte und Harper vor ein unlösbares Rätsel stellte. Dieses Rätsel in Kombination mit den Gedanken an seinen Cousin sorgte für ein reichliches Stimmungstief bei Harper, aus dem ihm nicht einmal der übermäßige Genuss von Sparky Cola heraushelfen konnte, seinem üblichen Allheilmittel, von dem er eine halbvolle Dose in der Hand hielt.

Sogar seine Haare sahen aus, als würde allein das großzügig verwendete Gel die Spitzen davon abhalten, sich traurig hängen zu lassen. "Wo ist Rev?" Flüchtig streifte Harpers Blick die Anzeigen über dem Bett - nichts. Traurig schüttelte er den Kopf. Erst das Donnerwetter auf dem Kommandodeck, dann der Kristall, Trance und Andromeda. Im Moment war wirklich der Wurm drin.

"Im hydroponischen Garten. Essen." Beka gähnte herzhaft und streckte sich, entblößte dabei eine Handbreit bloße Haut zwischen Hosenbund und ihrem wie üblich etwas zu kurzen Oberteil. "Ich bin reif für einen doppelten Espresso und eine heiße Dusche."

"Es hatte also sein Gutes, dass Trance die Lachse behalten hat", meinte eine weitere leise Stimme aus dem Halbdunkel. Beka hielt überrascht in der Dehnbewegung inne und Harper machte einen halbherzigen Satz zur Seite, als er aus den Augenwinkeln einen großen, dunklen Schatten wahrnahm. Der Inhalt seiner halbvollen Sparky Dose verteilte sich gleichmäßig auf seinem Arm, seiner Hose und dem Fußboden.

"Dylan!" So, wie Beka den Namen aussprach, hörte es sich eher wie ein Vorwurf an. "Wenn Sie so weitermachen, bekomme ich vorzeitig einen Herzinfarkt."

Wie ein Geist tauchte Dylan auf, sein Gesicht und seine Hände helle Flecken vor dunklem Hintergrund. Er hatte eine kurze Pause in seinem Quartier eingelegt und sich umgezogen, trug jetzt eine schwarze Uniformhose, dazu einen legeren schwarzen Pullover, jedoch wiederum kein formelles Oberteil. "Gute Nacht", sagte er laut und machte Platz, um Beka zwischen sich und Harper durchschlüpfen zu lassen.

Ingenieur und Captain sahen sich an, als Bekas Schritte verhallt waren. "Keine Veränderung, hm?" meinte Dylan eindeutig doppeldeutig und trat näher an Trance' Liege heran. "Andromeda, Privatmodus."

"Soll ich den Reinigungsbot vorher oder nachher vorbeischicken?" fragte Andromedas Stimme und die optischen Projektoren bauten ein Hologramm mit verschränkten Armen auf.

Dylan sah das Hologramm mit einem seiner besten Das-habe-ich-jetzt-nicht-gehört-Blicke an.

"Privatmodus aktiviert", bestätigte die Lichtprojektion daraufhin und verschwand.

"Sie wird immer gleich sauer, wenn sie mal hinter mir aufräumen muss." Harper nahm den letzten Schluck aus seiner Dose und stellte sie neben die Pfütze auf den Fußboden. "Wenn sie schon dabei ist…"

Dylan beschloss, auch das nicht gesehen zu haben.

Harper bereitete sich auf eines von Dylans Psychospielchen vor, die immer nach dem gleichen Schema abliefen: der geniale Ingenieur bekam das schlechte Gewissen und Captain Unfehlbar einen Freispruch. "So", meinte er. "Ist das der Punkt in der Geschichte, wo Sie mir eine Strafpredigt halten?"

Wider Willen musste Dylan grinsen. "Etwas in der Art, ja."

"Vergessen Sie's", murrte der kleinere Mann mit der Vorliebe für Cargohosen in Kombination mit bunten Oberteilen, wischte seinen tropfenden Ärmel an seiner Hose ab und brachte die Liege mit Trance darauf als Sicherheitspolster zwischen sich und Dylan, eine klebrige Spur aus Colaflecken hinter sich lassend.

"Harper…", Dylan drückte Daumen und Zeigefinger auf beide Seiten seiner Nasenwurzel und kniff die Augen zu. Tage wie diese bescherten ihm höchst seltene und vor allem sehr ungelegene Kopfschmerzen. "Manchmal frage ich mich wirklich, was in Ihrem Kopf vorgeht." Als der Druck nicht gegen das unangenehme Pochen half, ließ er die Hand wieder sinken. "Sie erfinden die unmöglichsten Dinge, verstehen Techniken, von denen selbst die Vedraner in ihren kühnsten Momenten nur geträumt haben - und dann wieder benehmen Sie sich wie ein fünfjähriges Kind und leisten sich solche Ausfälle wie vorhin auf dem Kommandodeck."

"Und? Was ist so schlimm daran? Nicht jeder hat eine tolle Ausbildung in einem perfekten Universum genossen und weiß, wie rum er Messer und Gabel halten muss, sieht so aus wie Sie und bekommt auf jeder Raumstation die heißesten Frauen!" Grundsätzlich gefiel sich Harper in der Rolle als missverstandener Underdog.

"Gut. Schön. Dann eben anders herum: in der derzeitigen Lage, mit einem manövrierunfähigen Schiff und einer dezimierten Crew, muss ich wissen, ob ich mich auf Sie verlassen kann." Dylan sah Harpers Einwand bereits kommen, bevor dieser losplatzen konnte. "Moment noch. Ich werde mich nicht für eine militärische Entscheidung bei Ihnen entschuldigen und noch viel weniger für das Gehorchen von Befehlen meiner und damit auch Ihrer Vorgesetzten, ist das klar, Mr. Harper?"

Oha, Captain Unfehlbar schien sich doch mehr mit dem Zwischenfall beschäftigt zu haben als es den Anschein gehabt hatte. Seine Entgegnung herunterschluckend beäugte Harper den Captain abwartend, als dieser fort fuhr. "Ich kann mir vorstellen, dass der unglückliche Ausgang Ihres Ausflugs zur Erde letztes Jahr heute eine Rolle gespielt hat."

Harper hatte nicht viel Erfahrung mit halb ausgesprochenen Entschuldigungen. Niemand konnte es ihm verübeln; die einzige Sprache, die der Ingenieur von klein auf beherrscht hatte, war die der Gewalt. Gewalt der Nietzscheaner und Magog gegenüber den Menschen, Gewalt der Größeren gegenüber den Kleinen, der Stärkeren gegen die Schwächeren. Auch an Bord der Maru hatte dieses Gesetz in gewisser Weise Gültigkeit behalten - zumindest so lange, bis Bobby Jensen das Schiff verlassen hatte, Bekas Ex-Lover. Die Zeit an Bord der Andromeda hatte noch nicht ausgereicht, um Harpers verkümmerte empathische Antennen hinreichend zu sensibilisieren und Dylans halb erkennbares Friedensangebot zu erkennen.

"Ein Haufen Menschen ist damals gestorben, weil ich ihnen erzählt habe, Sie und Andromeda würden kommen und ihnen helfen." Harper fühlte sich sicher auf seiner Seite von Trance' Liege. Sicher genug, um die bitteren Erinnerungen in Worte zu packen. "Weil ich meine große Klappe nicht halten konnte und den Leuten erzählt habe, dass die Menschen von Paris, Tokio und Johannisburg nur auf das Zeichen aus Boston warten würden…"

"Ich hatte Ihnen ein Versprechen gegeben", meinte Dylan ernst. "Sie haben sich darauf verlassen, dass ich mein Wort halte. Und Sie haben tatsächlich die erste ernstzunehmende Rebellion auf einem Sklavenplaneten der Drago-Kazov auf die Beine gestellt. Ohne Ihren Einsatz hätten wir das… Problem… heute auf dem Kommandodeck gar nicht erst gehabt."

Harper hatte einen seltenen Moment der Einsicht; er verstand, dass seine persönliche Katastrophe verglichen mit dem, was Dylan antrieb, nur ein kleines Problem in einer schier unendlichen Liste war. Stattdessen stellte er überrascht fest, dass er bereit war, Dylans damaliges Verhalten zu akzeptieren, als dieser sich für den größeren Nutzen - in diesem Fall: den Verteidigungspakt mit den Sabra-Jaguar - entschieden hatte. Was war dieser kleine Planet Erde schon wert, wenn die gesamten Bekannten Galaxien nicht gegen das drohende Magog-Weltenschiff verteidigt werden konnten? Ein paar Milliarden Sklaven mehr oder weniger… und allein das Gefühl, dass Dylan im Moment ein wenig besorgt um ihn war, tat seiner Seele kleinen Menschenseele gut. Ein Stärkerer übte zwar nach wie vor seine Macht über Harper aus, aber der Stärkere fühlte sich wenigstens nicht gut dabei. Immerhin ein schwacher Trost.

"Schon gut", meinte der Ingenieur extraordinaire schließlich und hörte die Müdigkeit in seiner eigenen Stimme. "Ich habe ja auch nichts anderes getan als Versprechungen zu machen, die ich nicht halten konnte, Boss." Brendan und seinen Leuten gegenüber. "Tut mir Leid wegen… wegen vorhin. Sie sind wirklich nicht so schlimm wie diese Übers..." Trotz aller Müdigkeit traute Harper seinen Ohren nicht, während er sich noch sprechen hörte. Er entschuldigte sich dafür, dass er Dylan die Wahrheit ins Gesicht geschleudert hatte? Ok, zwar die durch das momentane Ausschalten seines Großhirns getrübte Wahrheit, aber immerhin? Und was war das, was er im Moment fühlte? Verständnis? Oder gar Mitleid mit Captain Immer Perfekt? Oh Himmel… Er sah Dylan direkt an. "Sie haben einen schlechten Einfluss auf mich", knurrte der Chaosingenieur anklagend, mehr belustigt und erstaunt als verärgert.

Jenseits der Liege neigte Dylan seinen Kopf und grinste zufrieden, wenn auch mehr innerlich. Harper mochte manchmal eine Nervensäge sein, er hatte das Herz jedenfalls am rechten Fleck, auch wenn es manchmal für Harper selbst schwer zu finden war. "Das passiert in den besten Familien."

Der Ingenieur musste das letzte Wort haben. "Bilden Sie sich aber bloß nicht ein, dass ich Brendan jetzt hängen lasse!"

Dylan schüttelte den Kopf. "Harper, kein Mensch verlangt das von Ihnen. Wir müssen uns nur an die neuen Gegebenheiten anpassen. Und jetzt lassen wir Andromedas Bots hier herein, bevor sich noch einer von uns ein Bein bricht."


(7) GRENZGÄNGER

Auf der Krankenstation war alles ruhig, abgesehen von den üblichen Betriebsgeräuschen des Schiffes. Reverend Behemial Far Traveller, kurz Rev Bem, versuchte ein weiteres Mal, einem medizinischen Handscanner vernünftige Anzeigen über Trance zu entlocken. Ein sinnloses Unterfangen. Trance blieb ein Mysterium. Müde legte Rev Bem den Scanner bei Seite und musterte die regungslose Gestalt auf der Liege. Seit seinem Abschied von der Andromeda hatte sich ihr Erscheinungsbild drastisch geändert; lange, dunkelrote Zöpfe, wo vorher ein kurzer blonder Haarschopf gewesen war; martialische Lederkleidung hatte die verspielten Overalls ersetzt und die Haut schimmerte in satten Gold- und Pfirsichtönen. Die Tatsache, dass die neue Trance mit einer Kampflanze bewaffnet war, hatte der Wayist bei ihrem Wiedersehen zur Kenntnis genommen, denn trotz aller Veränderungen spürte er nichts in ihrem Wesen, das ihn beunruhigt hätte.

Müde schlurfte der Magog in eine Ecke des Medizindecks, die er mit Duftkerzen und einer Matte provisorisch so hergerichtet hatte, dass er hier in unmittelbarer Nähe Trance' meditieren konnte. In der Nacht zuvor hatten sich die anderen Crewmitglieder mit ihm die Wache geteilt, doch Tyr und Harper waren damit beschäftigt, mit Slipfightern das Schiff verlassen, um an der Wiederherstellung des Slipstreamantriebs zu arbeiten. Dylan und Rommie würden das Kommandodeck übernehmen und vermutlich Beka ablösen, sobald Tyr und Harper unterwegs waren. Rev Bem hatte wohl registriert, dass sich mehr Personen auf der Andromeda befanden als zu dem Zeitpunkt, da er sie verlassen hatte, doch schien diese neue Mannschaft mehr aus einfachen Lancern, Slipfighterpiloten und Technikern zu bestehen, die sich im Hintergrund hielten.

Rev Bem ließ sich auf die Matte nieder. Nachdem er mit bedächtigen Bewegungen die Kerzen entzündet hatte, wickelte er sich fest in seinen Umhang und begann leise, seine Gebete vor sich hinzumurmeln. "My fear belongs to the Divine…" Trotz der geschlossenen Augen und der entspannten Körperhaltung konnte er sich in der Anfangsphase nur schwer von den Ereignissen lösen, die ihn beschäftigten. Die Dinge auf Spyridon B-2 entwickelten sich gut, auch ohne seine Anwesenheit auf dem Planeten, deshalb hatte der Reverend nicht gezögert, als Dylan ihn gebeten hatte, seinen Aufenthalt an Bord zumindest so lange zu verlängern, bis Trance' Zustand sich wieder normalisiert hatte oder aber die Andromeda definitiv den Orbit um Spyridon B-2 würde verlassen können.

"It is like air, like water..." Das Gebetsgemurmel wurde noch leiser und erstarb schließlich völlig; die Atmung des Magog wurde flacher und sein Pulsschlag verlangsamte sich, als Rev langsam von der bewussten Wahrnehmung hinüber in die Meditationsphase glitt. Er begrüßte diesen Zustand und vertraute sich ihm an wie unzählige Male zuvor, als ein winziger Schauder Trance' Körper überlief, eine winzige, menschliche Reaktion des rätselhaften Wesens, das in der Lage war, in der einen Sekunde ehrliche Warmherzigkeit auszustrahlen und in der nächsten eiskalt einen perseidischen Wissenschaftler zum Tod zu verurteilen, um dadurch einen Freund zu retten.

Trance hatte sich seit dem Austausch mit ihrem älteren Ich in vielerlei Hinsicht verändert. Die Erfahrungen, die sie während ihres Alterns gemacht hatte, hatten sie gehärtet und ihre naive, manchmal scheinbar tollpatschige Art, war klarer Berechnung gewichen. Sie, deren Waffen früher aus einer Mischung aus kindlichem Charme und entwaffnender Freundlichkeit bestanden hatte, verstand sich jetzt auf die Benutzung von Gaußpistolen und Kampflanzen. Sie beschränkte sich nicht länger darauf, spielerisch und subtil Einfluss auf die Dinge und Personen zu nehmen, die sie umgaben, sondern wirkte direkt auf ihre Umgebung ein.

Ansatzweise hatte sie versucht, Dylan diese Veränderung nach der Begegnung mit der durch die Zeit reisenden Killermaschine zu erklären, ohne ihn zu verwirren. Doch das war weniger aus ihrem eigenem Antrieb heraus geschehen als vielmehr weil Dylan es verlangt hatte, nachdem es Trance' Idee gewesen war, die unheilvolle Begegnung durch eine Verkürzung der Distanz und dadurch durch eine zeitliche Vorverlegung zu vermeiden; spätestens da war dem Captain der Andromeda klar geworden, dass Trance nicht mehr nur gut im Raten war, sondern tatsächlich Dinge sehen und beeinflussen konnte.

Trance war froh gewesen, dass das Gespräch mit Dylan nicht weiter ins Detail gegangen war. Wie hätte sie ihm erklären sollen, dass sie nicht nur hier, in seinem als Realität empfundenen Universum, präsent war, sondern sie ihr Bewusstsein buchstäblich auf tausende Universen verteilen konnte? Universen, die sich mit jeder getroffenen Entscheidung wiederum ständig verzweigten, so dass sich einige davon sehr ähnlich waren, andere weniger. Es gab Universen, in denen die Vedraner am Widerstand der Kalderaner gescheitert waren und nie ein Imperium entstanden war, aus dem das Commonwealth hätte hervorgehen können. Universen, in denen die Magog eine friedliche, unbedeutende Rasse am Rande der Triangulum-Galaxie waren. Oder Universen, in denen die Nietzscheaner mächtig genug gewesen waren, um nach der Zerschlagung des Commonwealth eine stabile Herrschaft über die bekannten Galaxien auf die Beine zu stellen. Und es gab ein paar Universen, in denen Gaheris Rhade, Erster Offizier des Flaggschiffs des Alten Commonwealth, seinen alten Freund und Captain Dylan Hunt mit einem Schuss aus seiner Kampflanze getötet und dann mit der Andromeda an Dylans Stelle 303 Jahre im Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs verloren hatte, um nach seiner Rettung mit dem Wiederaufbau von Gerechtigkeit und Ordnung zu sorgen… unzählige Universen, für die ein Begriff existierte: Multiversum.

Die Theorie, die dahinter steckte, war nicht neu. Alle Orte und Zeitpunkte innerhalb eines Universums sowie die unzähligen Universen untereinander mit ihren Orten und Zeitpunkten waren auf der Quantenebene miteinander verbunden. Die Vedraner hatten das bereits Jahrtausende vor den Menschen entdeckt, doch erst die Perseiden hatten es fertig gebracht, die Unwägbarkeiten von Quantenverbindungen - in anderen Worten: den Slipstream - auszumerzen und dafür gesorgt, dass das Benutzen des Slipstreams auf ein Universum und eine Zeitlinie beschränkt blieb und nicht jedes Mal unweigerlich zum Wechsel zwischen den Universen oder verschiedenen Zeitlinien führte.

Diese Beschränkung galt jedoch nicht für Trance, die im Slipstream durchaus mehr als nur die schnellste Verbindung zwischen zwei weit entfernten Punkten innerhalb desselben Universums sah - wie der Vorfall mit dem Auftauchen der Andromeda Ascendant am Vorabend der entscheidenden Schlacht am Hexenkopfnebel bewiesen hatte, als Trance angeblich ihre erste Flugstunde im Slipstream absolviert hatte. Ihre Fähigkeit, mehr als die Wirklichkeit zu sehen, war nicht nur auf den Quantenraum begrenzt. Sie war vielmehr im Stande, die Vielzahl von Zeitlinien und sich abspaltenden Universen in einer Zeitspanne zu durchfühlen, die andere zum Luftholen brauchten, und so herauszufinden, welchen Einfluss eine anstehende Entscheidung, die vielleicht in anderem Universum bereits gefallen war, auf die Zukunft in ihrem derzeitigen Universum nehmen würde. Noch fühlte sie nicht die Notwendigkeit, Dylan oder sonst irgendjemand in die Zusammenhänge einzuweihen. Menschen waren ihrer Erfahrung nach ein wenig eigen, wenn es darum ging, sich mit dem Gedanken anzufreunden, nicht wirklich einmalig zu sein; die Vorstellung, dass unendlich viele Versionen ihrer selbst in unendlich vielen Universen existierten, ängstigte die meisten, die oft schon genug damit zu tun hatten, die Probleme eines einzigen Lebens in den Griff zu bekommen. Die Perseiden hatten eine andere Auffassungsgabe, weshalb sie zu den führenden Experten auf dem Gebiet der Quantenmechanik und -physik gehörten - und weshalb Trance um jeden Preis die Veröffentlichung der geheimen Bibliothek verhindern wollte, die ein sterbender Perseide Harper vererbt hatte. Die Bibliothek enthielt genug Beweise, die die Perseiden bei ihren wissenschaftlichen Reisen gesammelt hatten, die Trance' Anwesenheit in anderen Universen und Zeitepochen ziemlich eindeutig bewiesen.

Trance wusste zudem um die Existenz einer Alternative, mit deren Hilfe auch andere Lebensformen die Grenzen zwischen den Universen überqueren konnten, doch noch war die Zeit nicht reif, die Route of Ages zu enthüllen. Und die Zeit würde frühestens dann gekommen sein, wenn in jedem Universum die unmittelbare Konfrontation mit der immer stärker werdenden Dunkelheit in Form eines Weltenschiffs, das das ultimativ Böse beherbergte und von unzähmbaren Hass angetrieben wurde, bevorstand. Bis auf wenige Ausnahmen waren alle Universen von der gleichen, düsteren Entwicklung betroffen, und jede Version von Trance war in ihrem Universum auf der Suche nach der besten Möglichkeit, den Abyss aufzuhalten.

Trance' Aufgabe in diesem Universum, in dem sie auf dem Medizindeck der Andromeda lag, war es, ihre schützende Hand über die Andromeda Ascendant und ihre Crew, vor allem ihren Captain, zu halten. Von dieser Mission war sie auch nicht abgerückt, als die, die mit ihr auf ähnlichen Missionen waren, Trance hatten wissen lassen, dass Dylan Hunt nicht länger derjenige sei, der den Abyss aufhalten könne. Sie hatte gezweifelt und Dylan deshalb in der Konfrontation mit den Pyrianern allein gelassen. Wie ein enttäuschtes Kind hatte sie sich auf die Maru zurückgezogen statt zu dem zu stehen, was sie in den Jahren zuvor aufgebaut und beschützt hatte. Doch diese Phase hatte sie überwunden und war entschlossen, alles in ihrer Macht stehende zu unternehmen, um gegen den Abyss bestehen zu können. Der Schlüssel zu ihrer neuen Hoffnung war der vedranische Kristall, in dem sie von Anfang an etwas gespürt hatte, das sie mit Worten wieder einmal nicht hätte erklären können. Ein gemeinsames Vibrieren, eine Vertrautheit… doch sie hatte nicht mit der Wucht gerechnet, mit der der Kristall ihr sein Geheimnis enthüllt hatte. Als die Energieentladung des Kristalls sie getroffen hatte, war ihr Bewusstsein von ihrer Körperhülle getrennt worden und eins mit der sich ausbreitenden Welle geworden, war mit ihr durch das gesamte Schiff gerast. Sie fühlte, dass diese Welle etwas suchte und schließlich auch fand. Die Kraft, die sie mitgerissen hatte, ließ nach.. dann langsam kehrte ihr Bewusstsein in ihren Körper zurück… ein Gefühl, das Trance schaudern ließ…

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Dylan Hunt betrat den Slipfighterhangar und musterte die schmächtige Figur im schwarzen Overall. Dass er das noch erleben durfte - das Enfant terrible der Andromeda in etwas, das nach Uniform aussah... beinahe hätte er gegrinst, wenn die Lage insgesamt nicht so ernst gewesen wäre. Stattdessen wandte Hunt seine Aufmerksamkeit Tyr zu, der ebenfalls den schwarzen Overall trug und wie immer eine gute Figur darin abgab. Richtig glücklich sah der Nietzscheaner allerdings nicht aus, abgesehen davon, dass Dylan sich nicht erinnern konnte, Tyr jemals glücklich gesehen zu haben. Im Moment versuchte der Kodiak jedenfalls mit den Fingern, den steifen Stehkragen zu weiten. Eigentlich hätte der Anzug perfekt passen müssen; Dylan meinte, im Vorübergehen ein kleines Lächeln auf Andromedas Gesicht auf dem Monitor bemerkt zu haben und fragte sich, ob er sich über Andromedas Beziehung zu Tyr Gedanken machen musste. Hatte sie das Oberteil vielleicht absichtlich zu knapp konfektioniert?

"Hören Sie auf, Tyr", hörte er schon Rommies Stimme. "Der Kragen muss eng sitzen, um feindlichen Nanobots keine Möglichkeit zu geben, an Ihren Körper zu gelangen."

"Feindliche Nanobots? Wahrlich tröstlich gesprochen dafür, dass du feindliche Nanobots nur in der Theorie kennen dürftest. Außerdem - die Vorzüge dieses Anzugs sind mir durchaus bewusst. Mir war nur nicht klar, dass Luftknappheit bereits ohne Helm zur Grundausstattung gehört." Demonstrativ öffnete der Nietzscheaner die oberste Schließe. Schulter zuckend sah Rommie zu Dylan herüber. Es war in letzter Zeit nicht mehr so oft vorgekommen, dass Tyr Kommentare in Bezug auf Rommies künstliche Natur zum Besten gab.

"Der Sinn Ihres Ausflugs, Tyr, ist nicht, die Tauglichkeit Ihres Anzugs zu testen", begann Rommie dann zu dozieren.

"Was dringend nötig wäre, Boss", warf Harper ein und wand sich ungemütlich und geräuschvoll. Alle Kleidungsstücke, die eng anlagen, waren ihm ein Gräuel.

"-sondern Sie sollen mit den Slipfightern in eine sichere Entfernung zur Andromeda fliegen--"

"Und wozu das ganze?" knurrte Tyr unüberhörbar, während er sein Gauss-Gewehr durchcheckte. "Die Maru ist doch offensichtlich nicht vom Ausfall des Slipstreamantriebs betroffen..." Seine letzten Worte ließen Platz für Interpretation.

Rommie unterbrach ihren Satz, verschränkte die Arme und setzte eine hochmütige Miene auf. Auch Harper sah den Nietzscheaner einfach nur an. Dylan neigte den Kopf leicht zur Seite. Es wirkte, als hielten alle Beteiligten für einen Bruchteil von Sekunden den Atem an. In dieser kurzen Zeitspanne waren deutlich die Betriebsgeräusche des Schiffes zu hören; dann ein leises Rascheln, als Tyr von Rommie zu Dylan sah und dabei einige seiner langen Rastazöpfe über das Leder seines Overall glitten. Seine Miene drückte Unschuld und Verwunderung aus.

Nach einigen Augenblicken lockerte Rommie ihre Haltung und wandte sich wieder Harper zu.
"...und dort versuchen, ein Slipstreamportal zu öffnen."

Tyr und Dylan starrten sich immer noch abwartend an. Der Erstere zuckte leicht mit den Schultern; es amüsierte ihn auch nach mehr als zwei Jahren immer noch, welche Reaktion er mit ein paar scheinbar achtlos dahin gesagten Worten erzielen konnte. Der Letztere fragte sich, wann und ob der Nietzscheaner irgendwann aufhören würde, sich durch solche Bemerkungen immer wieder von der restlichen Crew abzugrenzen.

"...Kinderspiel!" hörte Tyr Harper zu Rommie sagen. "Wir bekommen dich wieder flott, und die Maru bleibt unser Ass im Ärmel. Außer natürlich mein wissenschaftlicher Assistent vergeigt alles... he, nicht wahr, Tyr?" Der Ingenieur legte noch während er die Klappe aufriss einen zusätzlichen Schritt Sicherheitsabstand zu Tyr ein, der im Moment allerdings eher gelangweilt dreinblickte. Harper war am einfachsten zu ertragen, wenn man ihn plappern ließ und nur gelegentlich dafür sorgte, dass sich der Kleine nicht um Kopf und Kragen redete.

"Tyr wird Sie begleiten, um Ihnen Schutz zu geben, falls Sie in Schwierigkeiten geraten sollten", sagte Hunt, und Rommie ergänzte: "Sollten Sie eine komplette Neuinstallation der Systeme vornehmen müssen, um den Antrieb starten zu können, wären Sie völlig wehrlos."

"In deiner Gegenwart, Romm-Doll, bin ich immer wehrlos." Harper fingerte an der Gürtelschließe des Overalls herum und schaffte es trotz der Handschuhe, eine größere Weite einzustellen. Er stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

"Vorsicht, Harper", meinte Rommie und legte persönlich Hand an, um den Gürtel enger zu stellen. Ein breites Grinsen zierte zunächst Harpers Gesicht, dann jedoch… "Ouw!" protestierte er lautstark. "Du nimmst mir die Luft!"

"Offensichtlich haben Sie immer noch genug übrig für Ihr überflüssiges Lamento." Tyr sah den Zeitpunkt gekommen, die Dinge zu beschleunigen. "Bringen wir es hinter uns", meinte er düster und erklomm seinen Slipfighter. "Steigen Sie endlich ein!"

"Eigentlich dachte ich, ich gebe hier die Befehle", murmelte Dylan und trat näher an Harper heran.
"Viel Erfolg." Er lockerte eigenhändig die Schließe wieder, was ihm einen strafenden Blick von Rommie einbrachte. Harper seufzte übertrieben erleichtert und sah den ihn um mehr als einen Kopf überragenden Captain an. Die Blicke der beiden Männer trafen sich und Dylan nickte.

"Alles klar, Boss. Wird schon schief gehen." Was sich so unverfänglich anhörte, hatte seit ihrer Unterredung auf dem Medizindeck eine zweite Bedeutung, die Rommie und Tyr völlig entging. Zögernd nickte auch Harper und stieg dann in seinen Slipfighter. Die Versiegelung der Pilotenkanzel zischte.

Rommie trat im Slipfighterkontrollraum neben Dylan, während ihr KI-Gegenstück die Startsequenz einleitete und innerhalb weniger Sekunden beide Fighter auf Abschussrampen gebracht hatte. Die Slipfighter nahmen im Startkanal Geschwindigkeit auf und schossen schließlich in die Schwärze des Alls hinaus wie zwei Flöhe, die aus dem Fell einer altirdischen Kuh sprangen.

"Meinst du, es war eine gute Idee, Harper mit dem Öffnen des Slipportals zu beauftragen?" Rommie verschränkte die Arme vor der Brust und sah zu Dylan auf.

Dieser drehte seinen Kopf und sah im wahrsten Sinn des Wortes von oben auf die zierliche Androidin herab. "Er ist immerhin unser bester Ingenieur. Wenn er das Problem nicht lösen kann - wer sonst?"

"Grundsätzlich richtig. Aber wir verhalten wir uns, wenn er lieber wegläuft und seinem Cousin helfen will?"

"Dazu muss er erstmal ein Slipstreamportal öffnen, und wenn ihm das gelingt, ist uns auch geholfen." Dylan grinste.

"Ah, verstehe. Du hast Harper deshalb damit beauftragt, weil es in seinem persönlichen Interesse liegt, das Problem zu lösen? Auch auf die Gefahr hin, dass er danach davonläuft? Das ist interessant." Rommies Tonfall war spöttisch.

"Nein, das ist Beschäftigungstherapie. Hier an Bord hätte Harper dumpf vor sich hin gebrütet, jetzt aber hat er eine Aufgabe."

"Welche Rolle spielt Tyr in deinem Plan?"

"Ich vertraue darauf, dass Tyr sich… wie Tyr verhält." Selbst in seinen eigenen Ohren klang diese Erklärung dürftig. Dylan baute darauf, dass Tyr, der so viel von Familienehre hielt, Harper unterstützen und ihm folgen würde, sollte der Ingenieur darauf bestehen, die günstige Gelegenheit zu ergreifen und nach dem erfolgreichen Öffnen des Slipstreamportals auf eigene Faust nach seinem Cousin suchen zu wollen. Damit wäre er, Dylan, gegenüber dem Befehl von Rollins immer noch fein raus, denn er hätte nicht ausdrücklich befohlen, dass eines seiner Crewmitglieder sich in den von den Drago-Kazov kontrollierten Raumsektor begeben sollte. Sollte Tyr zögern, Harper zu folgen, würde das die Situation allerdings erheblich komplizieren. Dylan seufzte innerlich. Zur Not würde das Konzept der ‚strategischen Wahrheit' wieder einmal herhalten müssen, den Rest würde er sich überlegen, wenn das Problem entstand. Falls es entstehen sollte.

"Ist Tyrs Begleitung auch ein Fall von Beschäftigungstherapie?" fragte Rommie unschuldig.

"Nein. So, wie er sich gerade benommen hat, fällt das eher unter ‚Schadensbegrenzung'."

"Ich hoffe sehr, dass du dich nicht irrst."

"Rommie, zweifelst du etwa an meinem Plan?" fragte Dylan halb belustigt.

"Eigentlich nicht. Nur daran, ob es weise war, in einer so kritischen Situation wie jetzt unseren fähigsten Ingenieur und - so schwer es mir fällt, das zuzugeben - unseren besten Kämpfer von Bord gehen zu lassen."

"Auch wenn seine Andeutungen manchmal meine Subroutine für Geduld auf eine schwere Belastungsprobe stellen", ergänzte Andromedas körperlose Stimme.

"Unsere Subroutinen", korrigierte Rommie.

"Keine Sorge, Andromeda. Niemand würde daran denken, dich für die Maru einzutauschen, nur weil dein Slipstreamantrieb defekt ist. Zumindest nicht ernsthaft." Er grinste. "Und Rommie - vielen Dank für dein Vertrauen in meine kämpferischen Qualitäten." Dylan gelang eine perfekte Mischung aus verletzter Eitelkeit und Ironie.

"Gern geschehen." Rommie schloss für einen Sekundenbruchteil die Augen, wie immer, wenn sie mit ihrer Kern-KI in Kontakt trat. "Wir sollten auf die Brücke zurückkehren, Harper und Tyr erreichen gerade die vorgesehene Distanz."

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"Möchte wissen, warum Atatürk dich Kludge nicht gleich umgebracht hat", brummte ein missmutiger Nietzscheaner und stocherte einhändig mit der Gabel in den Resten seines Abendessens herum. Die andere Hand lag neben dem Teller demonstrativ an der Fernbedienung für eines der handelsüblichen nietzscheanischen Folterwerkzeuge, dessen Gegenstücke der ehemalige High Guard Major Cornelis van Zand in Form kleiner, hinterhältiger, weil spannungsabgebender Nanobots in seiner Blutbahn spazieren trug. Ein Druck auf den Auslöser und die kleinen technischen Meisterwerke sorgten dafür, dass sich seine Nervenenden wie Feuer anfühlten. Kleines Abschiedsgeschenk von William Atatürk, designierter Anführer der Drago-Kazov, vor dem Verlassen seines Flaggschiffes.

Cornelis van Zand knabberte an dem, was ihm sein Bewacher gnädigerweise zugeschoben hatte.
"Denk mal darüber nach", meinte er und grinste viel sagend.

Sein Gegenüber knurrte unartikuliert, ließ aber die Finger von besagter Fernbedienung. Napoleon Malagant war keine imposante Erscheinung, geschätzte 1,80 m, neigte zu Bauchansatz, strahlte keinerlei Autorität aus und besaß nicht viel Intelligenz, wovon das meiste zu allem Überfluss auch noch in seinem Abzugsfinger zu stecken schien. Der typische Befehlsempfänger. Nicht zum ersten Mal wunderte sich van Zand, wieso ausgerechnet Malagant zu seinem Bewacher bestimmt worden war. Im Moment schwankte er zwischen 2 Theorien. Entweder musste Napoleon Malagant mit dieser Mission seinen Marktwert innerhalb seiner Sippe beweisen oder der plumpe Nietzscheaner war hier auf Tarazed selbst unter Bewachung. Dann allerdings blieb sein Kontaktmann aus taktischen Gründen unsichtbar. Cornelis favorisierte eindeutig die erste Variante, während er sich verstohlen umsah. Mit einem Nietzscheaner wurde er noch immer fertig, selbst mit dem Handicap der manipulierten Nanobots.

Offiziell waren Napoleon Malagant und Cornelis van Zand Schiffbrüchige; die einzigen Zeugen eines Piratenüberfalls auf einen kleinen Raumtransporter. Der Vorfall hatte sich vor zwei Tagen "zufällig" im Tarazed-System ereignet und die Rettungskapsel mit den beiden Überlebenden war relativ schnell von einer Patrouille geborgen und nach Tarazed gebracht worden. Da sie sich mit gefälschten ID-Chips als Händler ausweisen konnten, waren sie nach einem kurzen Aufenthalt in einer zellenähnlichen Unterkunft und Befragung durch einen gelangweilten Beamten auf dessen Anordnung hin in ein billiges Hotel gebracht worden, das sich in einem Randgebäude des belebten Raumhafens von Tarazed, der gleichnamigen Hauptstadt des Planeten, befand. Durch die supraisolierten Fenster ihres Quartiers waren häufig ankommende oder startende Schiffe zu sehen, kleine, wendige Raumkreuzer ebenso wie Cargoschiffe. Das wenige Militär, das in diesem Bereich zu sehen war, hielt sich im Hintergrund. Alles machte den Eindruck eines friedlichen, blühenden Gemeinwesens, aber Cornelis ließ sich nicht blenden: Tarazed hatte sich dankend gegen das Neue Commonwealth entschieden, obwohl der ganze Planet seit der ersten Besiedlung durch die Überlebenden der ursprünglichen Andromedacrew und der Besatzung der Starry Wisdom vor über 300 Jahren völlig auf die Wiederherstellung des Commonwealths ausgerichtet gewesen war. Doch im entscheidenden Moment hatten die isolationistischen Kräfte um Telemachus Rhade, Admiral der Verteidigungskräfte und genetische Reinkarnation seines Ur-Ur-Ur-Ur-....Ahnen Gaheris Rhade, die Oberhand gewonnen. Tarazed war nicht dem Neuen Commonwealth beigetreten, aber die Existenz des Planeten hatte sich dennoch in den Bekannten Galaxien herumgesprochen. Die ruhigen Zeiten waren definitiv vorbei für Tarazed.

Während Cornelis den mahlenden Kiefermuskeln von Malagant beim Zerkleinern diverser Fleischbrocken zusah, kam er zu dem Entschluss, dass er vermutlich nicht hier säße, wenn die Entscheidung Tarazeds eine andere gewesen wäre... dann wäre das, wonach er auf Tarazed zu suchen hatte, vermutlich bereits in den Händen des High Guard oder der Argosy Spezialeinheiten. Wieder einmal hatte ein Nietzscheaner, in diesem Fall Rhade jun., Einfluss auf Cornelis' Leben genommen. Langsam hatte er die Brüder mit den Knochenklingen wirklich satt. Erst stürzten sie das alte Commonwealth, waren aber zu schwach, eine neue Herrschaft zu errichten und verlegten sich statt dessen aufs Marodieren, unterjochten dabei seinen Heimatplaneten Enkindu, versklavten die menschlichen Bewohner und hielten hübsche Frauen in Harems. Van Zand war eines von vielen minderwertigen Mischlingskindern, das sich seit frühester Kindheit mit Gewalt durchzusetzen gelernt hatte. Nach Enkindus Befreiung und einer steilen Karriere im neu gegründeten High Guard und den Argosy Spezialeinheiten waren es erneut Nietzscheaner gewesen, durch deren Unfähigkeit er einen Geheimauftrag nicht hatte vollenden können und sich statt dessen, weil seine Auftraggeber es so vorsahen, auf Gedeih und Verderb in die Hände der Drago-Kazov hatte flüchten müssen. Cornelis hasste die Selbstverliebtheit und Arroganz, mit der alle Nietzscheaner geboren wurden, obwohl er die Vorteile ihrer Gene in seinen Zellen durchaus zu schätzen wusste - weniger Krankheiten, überlegene körperliche Kraft und eine gewisse Ruchlosigkeit im Umgang mit fremdem Leben. Nicht erst seit heute fühlte er sich wie ein Grenzgänger zwischen zwei Welten.

Es war Napoleons Idee gewesen, nur für sich selbst Essen aufs Zimmer zu bestellen. Natürlich. Offenbar hatte der Nietzscheaner außer gefälschten ID-Karten auch ein paar echte Chips mit harter Währung dabei, denn der Servicebot lieferte prompt. Malagant hatte wie bereits während ihres gesamten Aufenthalts auf Tarazed dafür gesorgt, dass sich für seinen Gefangenen keine Möglichkeit zur Flucht ergab, während er das Essen entgegennahm.

Offenbar war der Nietzscheaner nach dem Zermalmen und Herunterschlucken der Fleischbrocken mit Denken fertig. "Vielleicht will Atatürk noch seinen Spaß mit dir haben", grinste er breit und wischte sich die fettigen Hände an den Seiten seiner Hose ab. Angewidert nahm Cornelis zur Kenntnis, dass er tatsächlich ein primitives Exemplar der Überrasse vor sich hatte.

"Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede, Kludge." Lässig drückte Malagant auf den Auslöser auf der Fernbedienung. Zwar hatte man ihm alle Schusswaffen abgenommen, doch die Fernbedienung war als Teil seiner Unterarmmanschette getarnt gewesen. Er drückte nicht stark und nicht lange, aber immerhin ausreichend, dass Cornelis verkrampfte und rot anlief. Sein ganzer Körper wurde steif bei der Anstrengung, dem Nietzscheaner nicht das Vergnügen zu gönnen, ihn schreien zu hören.

Als van Zand wieder zu Atem kam, zischte er wütend zwischen den Zähnen hervor: "Das zahle ich dir heim." Im gleichen Augenblick hätte er sich ohrfeigen können, so unbedacht seinen Bewacher zu reizen. Aufreizend langsam betrachtete der Nietzscheaner seinen Zeigefinger, bevor er ihn erneut auf die Fernbedienung sinken ließ. Cornelis blieb gerade noch Zeit genug für einen tiefen Atemzug, bevor künstliches Feuer in seinen Nervenbahnen auf und ab schoss.

Malagant betrachtete zufrieden sein Werk, als der elende Kludge matt und offensichtlich bewegungsunfähig auf dem Boden lag, neben ihm der Stuhl, mit dem er zusammen umgekippt war. Schade, dass er nicht noch mehr Spaß mit ihm haben durfte, aber Malagant war es gewohnt, das Denken anderen zu überlassen, deshalb würde er das tun, was man ihm aufgetragen hatte: den Kludge zu bewachen und dafür zu sorgen, dass Atatürk das in die Finger bekam, was Gerüchten zu Folge auf Tarazed sein sollte: eine Geheimwaffe, im Vergleich zu der eine Novabombe harmlos wie eine Feuerwerksrakete sein sollte. Diese Gerüchte und viele andere schwirrten schon seit dem Fall des Commonwealth herum; wenn man ihnen Glauben schenkte, waren die Vedraner mit einem ganzen Arsenal von Wunderdingen verschwunden. Daran verschwendete Napoleon, fünfter Sohn eines unbedeutenden Clansmanns, jedoch keinerlei Gedanken. Für ihn waren Vedraner blaue Vierbeiner, die nicht stark genug gewesen waren, den Fall ihres Reiches zu verhindern und damit nicht würdig, sich näher mit ihnen zu beschäftigen. Viel lieber dachte Malagant an Gwenwhyfar, die vierte und jüngste Schwester von Atatürk, mit der er eine Familie zu gründen gedachte. Allerdings stellte die Familie Atatürk hohe Ansprüche, was den künftigen Erzeuger der nächsten Generation anging, daher kam Napoleon nicht einmal ernsthaft in die engere Auswahl. William zog allerdings die elegante Methode vor, Malagant loszuwerden - er gab ihm den Auftrag, den Kludge zu begleiten. Atatürk hegte nicht den geringsten Zweifel, dass Malagant keinen Tag an der Seite von van Zand überleben würde, doch das beunruhigte ihn nicht im Mindesten.

Napoleon selbst kamen nicht die geringsten Zweifel, dass er für diese Mission nur deshalb eingeteilt worden war, weil er damit genug Ehre und Ansehen erwerben könnte, um in die höher gestellte Atatürk-Familie hinein heiraten zu können. Er träumte selbst in dem Moment noch von seinem Ruhm, als van Zand völlig überraschend hochschnellte, den Stuhl ergriff und zuschlug. Splitter schossen davon, als das Material des Möbelstücks dem harten Schädel des Nietzscheaners Tribut zollte und auseinanderbrach. Malagant selbst sah einen Moment lang aus wie ein wütender Bulle, dem sich ein Mückenschwarm entgegenstellte - lästig und lachhaft. Diesen Moment der Verzögerung konnte er nicht einmal mehr bereuen, denn der wendige Ex-Major schmetterte ihm aus einer beschleunigenden Drehung heraus den Handrücken in den Hals. Ungläubig starrte der Nietzscheaner den Kludge an, dann kippte er mit dem Gesicht voraus auf den Boden des Hotelzimmers wie eine gefällte Eiche.


(8) WAGNISSE

"Beka, wie sieht's aus?" Rommie und Dylan betraten das Kommandodeck. Beka lehnte an der Navigationskonsole und hatte links neben dem Hauptschirm Kommkanäle mit Bildübertragung zu beiden Slipfightern aufgebaut. Ein grimmiger, offensichtlich gelangweilter Nietzscheaner starrte stumm auf sie herab, während Harper kaum im Bild war - ständig bückte er sich nach links oder rechts außer Sichtweite der optischen Erfassung. Wie macht er das nur, ohne sich ständig mit dem Gurt zu strangulieren? fragte sich die blonde Pilotin. Da wird einem ja schon vom Zusehen schwindlig. Auf Dylans Frage hin drehte sie sich den Neuankömmlingen zu. "Gut, soweit man das von hier aus sagen kann."

"Boss, wir sind so weit." Harper hielt lange genug still, um direkt in die Kamera zu sprechen.

"Ein Wunder ist geschehen", übertrugen die akustischen Sensoren Tyrs Kommentar - auch in den zweiten Slipfighter.

"Keine Panik, Tyr, Sie werden noch früh genug die berühmte Harper-Magie erleben." Demonstrativ ließ Harper die Knöchel seiner Finger knacken und umfasste die Steuerkontrollen.

"Öffnen Sie…" fing Dylan an, als der Hauptbildschirm bereits die blauen Schlieren des sich bildenden Zugangs zum Slipstream zeigte. Er schenkte sich den Rest seines Befehls.

"Das war einfach", sagte Rommie.

"Aber ist es auch ein echtes Portal?" Beka krauste die Stirn. "Und warum können die Slipfighter, was du nicht kannst?"

Die Kern-KI erschien auf dem für sie vorbehaltenen rechten Seitenbildschirm. "Die Sensorenmeldungen lassen keinen Zweifel daran, dass Harpers Slipfighter ein echtes Portal geöffnet hat."

"Trotzdem. Wir sollten eine Probesonde aussetzen." Dylan hatte seine eigene Station erreicht und stützte sich mit beiden Händen daran ab.

"Schon geschehen." Die Kern-KI legte den Kurs der Sonde auf das taktische Display. Dylan hob eine Augenbraue. Entweder war er zu langsam mit seinen Befehlen oder seine Crew zu schnell, was das Befolgen von Befehlen anging. Oder sie waren einfach nur zu gut aufeinander eingespielt.

Die Sonde trat in die Übergangszone zum Slipstream ein und verschwand dann in der gleißenden Helligkeit.

"Keine Auffälligkeit, soweit ich das beurteilen kann", meldete Andromeda.

"Dann lassen wir es auf einen Versuch ankommen. Harper…"

Harper war zwischenzeitlich vom Bildschirm verschwunden gewesen, tauchte aber nach Dylans Worten wieder auf. Er sah Dylan direkt an. Dylan sah mit absoluter Gewissheit, wie die nächsten Minuten sich entwickeln würden. "Tun Sie's nicht", sagte er sanft. Es klang mehr nach Resignation als nach Befehl.

"Ich muss, Boss. Der Slipstreamantrieb der Andromeda müsste mit den Modifikationen, die wir an den Slipfightern vorgenommen haben, auch funktionieren. Rommie hat die Daten. Andromeda wird nichts passieren. Und Brendan braucht mich." Harper schaltete die Übertragung ab und holte tief Luft. Er hatte noch Bekas überraschtes Gesicht vor Augen und Dylans eher besorgte als wütende Miene, als er Kurs auf das Slipportal nahm und mit höchster Geschwindigkeit, die der Slipfighter auf die kurze Distanz entwickeln konnte, darauf zuraste.

"Sind Sie wahnsinnig geworden?" hörte er Tyr bellen. "Komm' sofort zurück, Junge!" Daraufhin schloss Harper auch den Kommkanal zu Tyrs Slipfighter. Es war so schon schwer genug, ohne daran erinnert zu werden, dass er nur ein kleiner, schwacher Mensch war.

"Andromeda, Rommie, haltet ihn auf!" forderte Beka erregt.

"Der Slipfighter ist außerhalb der Reichweite der Buckykabel, und da Sie Harper lebend zurück haben wollen, würde ich von Waffengewalt abraten", lautete Andromedas lapidare Antwort, der sich Rommie wortlos anschloss.

"Dann sagen Sie ihm irgendetwas, Dylan, bitte", flehte Beka. "Harper allein unter Nietzscheanern, das kann nicht gut gehen."

"Gut, ich werde etwas sagen… Tyr, hören Sie mich?" Dylan lehnte sich jetzt schwer auf seine Hände und entlastete seinen Rücken. Zu viele Stunden auf den Beinen forderten langsam ihren Tribut.

"Klar und deutlich."

"Ich werde Sie jetzt um etwas bitten, und zwar nicht als Captain." Das Wort ‚Freund' kam ihm einfach nicht über die Lippen.

"Lassen Sie mich raten: Sie wollen, dass ich dem kleinen Mann hinterher fliege und seinen knochigen Hintern rette und wenn möglich auch noch den seines kleinen Cousins?" Tyr schnaubte in seiner bekannt verächtlichen Art, hantierte dabei aber fleißig mit den Kontrollen herum.

"Etwas in der Art hatte ich im Sinn, ja." Dylan beschloss, den leichten Konversationston beizubehalten. Neben ihm klappte Bekas Kinnlade herunter und Rommies Augenbrauen erreichten beinahe ihren Haaransatz. Die Missbilligung stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben.

"Wenn ich Ihnen diesen Gefallen erweise, stehen Sie in meiner Schuld." Tyrs Stimme hatte etwas unangenehm Triumphierendes.

"Ob das Retten eines Crewmitglieds überhaupt mit dem Entstehen einer Schuld gleichgesetzt werden kann, darüber unterhalten wir uns mit Harper bei einem Glas Wein, wenn Sie ihn heil wieder abgeliefert haben. Oder noch besser: beide."

"Geben Sie sich keine Mühe, Dylan. So reizvoll dieser Disput unter philosophischen Aspekten vielleicht auch wäre - Sie haben da etwas in Ihrem Besitz, an dem ich sehr interessiert bin."

Verdammt. Die Gebeine Mussevenis. Wie hatte er die vergessen können? Dylan zog die Augen zu Schlitzen zusammen, starrte abwägend und nicht einmal sonderlich überrascht auf den Bildschirm.

"Das Portal bleibt nicht unbegrenzt offen", mahnte Andromeda.

Die Hilfe kam von unerwarteter Seite. "Jetzt hör' mal zu, du Muskelberg." Beka hatte die Nase voll von den männlichen Spielchen. Mit in die Seite gestemmten Fäusten und ihrer wieder einmal wilden Mähne sah sie aus wie ein Racheengel. Ein übermüdeter und genervter Racheengel. "Du machst dich jetzt sofort auf in den Slipstream und hilfst Harper oder du kommst am besten gar nicht erst zurück an Bord."

"Beka, ich…" Tyr versuchte, die Oberhand zu behalten.

"Sei ruhig, Anasazi. Wie oft haben wir deinen Hintern gerettet, ohne nach der Gegenleistung zu fragen? Wenn's darum gegangen wäre, hätte Dylan dich nicht mal anstandshalber fragen müssen, ob du an Bord bleiben möchtest, sondern hätte dich gleich aus der Luftschleuse geworfen. Wenn du nicht sofort hinter Harper her fliegst, dann will ich von dir nie wieder einen Satz hören, in dem das Wort Ehre vorkommt, hast du mich verstanden?" Sie presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen.

Tyr rettete sein Ansehen, indem er nach kurzem Zögern ein gequältes Lächeln aufsetzte. "Ihr Wunsch ist mir Befehl, Mylady." Er unterbrach die Kommverbindung.

"Was macht er, Andromeda?" fragten Dylan und Beka unisono.

"Er verschwindet im Slipstream."

Bekas Mund entspannte sich, aus der schmalen Linie wurden wieder volle Lippen. Trotzig verschränkte sie jetzt, da ihre Ansprache vorbei war, die Arme vor der Brust. Sie schwankte immer noch zwischen ihrer Wut auf Tyrs Taktieren, einer Portion Ärger, dass es offensichtlich eine Absprache zwischen Harper und Dylan gegeben hatte, von der sie nichts wusste, und Bewunderung für die Kaltschnäuzigkeit, mit der Dylan das Komplott gemeinsam mit Harper durchgezogen hatte. Kam es ihr nur so vor, oder war Dylan im Lauf der Jahre rücksichtsloser geworden? Andererseits - waren sie nicht alle mittlerweile ein Stück desillusionierter?

Ärger siegte über Bewunderung. "Wenn Harper auch nur ein Haar gekrümmt wird, dann ist das trotzdem Ihre Schuld", drohte sie Dylan.

"Dann sehen Sie zu, dass Sie den Slipstreamantrieb zum Laufen bekommen; dann kann ich nämlich zwei offiziell bei einem wissenschaftlichen Experiment in Schwierigkeiten geratene Slipfighterpiloten auch aus dem Gebiet der Drago-Kazov retten, in das sie… versehentlich geraten sind." Ein breites, aber etwas angestrengtes Grinsen machte Hunts Gesicht ebenfalls wieder etwas weicher. Tyr blieb ein Ärgernis wie eine nie verheilende Wunde. Kaum war ein wenig Schorf darüber gewachsen, wurde die Wunde wieder aufgerissen.

"Soll ich das unter ‚Strategische Wahrheit' ins Log übernehmen, Captain?" fragte Rommie unschuldig.

Hunt neigte seinen Kopf und sah Rommie an. Andromedas Stimme rettete ihn vor einer Antwort.

"Dylan… Trance ist wieder bei Bewusstsein. Rev ist bei ihr, aber sie möchte dich sehen."

"Sehr gut. Bin unterwegs. Beka…"

"Schon klar, ich arbeite an den Modifikationen für den Antrieb."

"Rommie…"

"Ich helfe ihr."

"Wartet irgendjemand auf diesem Schiff ab, bis ich einen Befehl zu Ende gesprochen habe?" fragte Dylan in komischer Verzweiflung.

"Reine Zeitverschwendung." Beka behielt das letzte Wort. "An die Arbeit."

Eine Sekunde lang erwog Dylan eine passende Antwort, dann gab er auf. Auf der falschen Seite von Beka zu stehen, war für Tyr schon Strafe genug. Da musste er sich nicht auch noch dazustellen und zur Zielscheibe eines Valentine'schen Wutausbruchs machen. ‚Strategischer Rückzug', dachte er und verließ mit langen Schritten das Kommandodeck.

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"Eindrucksvolle Rede, Beka", meinte Rommie beiläufig und übernahm die Daten, die Harper ihr übermittelt hatte, manuell in ihre Konsole.

"Danke… glaube ich." Beka nagte an ihrer Unterlippe und starrte abwesend auf den Hauptbildschirm.

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"Hallo, Trance." Dylan nickte Rev zu, der neben Trance' Liege stand und gab sich Mühe, Wärme in sein Lächeln zu legen, obwohl seine Gedanken noch mit dem Vorfall gerade beschäftigt waren. Trance schien eine Nuance blasser unter ihrer goldenen Haut zu sein als normal, so weit er das beurteilen konnte. "Schön, Sie wieder bei uns zu haben."

"Dylan, es ist wichtig", meinte Trance leise. Sie hörte sich schwach an und griff untypischer Weise nach seinem Ärmel. "Vertrauen Sie mir?"

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"Fertig, Beka?" Rommie beendete ihre letzte Eingabe und verglich die neue Konfiguration des Slipstreamantriebs mit den Standardeinstellungen. Harpers intuitives Genie beeindruckte sie nachhaltig. Die Hälfte der Änderungen hätte sie nicht von sich aus durchgeführt, weil sie mit den Sicherheitsprotokollen in Konflikt standen.

"Fertig, Rommie. Es kann losgehen." Auf Bekas Anforderung senkte sich die Steuereinheit für den Slipstream von der Decke der Brücke. "Schiffsweit: Festhalten! Öffne Slipstreamportal… drei… zwei… eins…"

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"Das ist eine schwierige Frage, Trance." Dylan krauste die Stirn und sah zu Rev Bem hinüber, dessen Geste signalisierte, dass er keine Ahnung hatte, worauf Trance hinaus wollte.

"Es ist wirklich wichtig", beschwor ihn das blassgoldene Wesen mit den großen Kulleraugen. Die Abwesenheit ihrer üblichen Stärke erinnerte eher an die junge Trance mit pinkfarbener Haut und ihrem einmaligen Schwanz.

"Nun… grundsätzlich natürlich schon… nur wenn Sie mich jetzt nach den Kommandocodes für Andromeda fragen würden…" Er zögerte, sah ihren flehenden Blick, bemerkte ihren schwachen Griff um seinen Unterarm. "Ja, Trance." Was hatte er schon zu verlieren?

"Schiffsweit…" hörte er Bekas Stimme über die Bordkommunikation.

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Beka nahm sich ein leichtes Ziel für diesen Probeflug vor, etwas, das sich in einem Sprung erreichen ließ und nicht unmittelbar in nietzscheanisches Gebiet führte. Macalla bot sich an, ein kleines, unbedeutendes Sternensystem, aber immerhin Mitglied im Commonwealth. Sie visualisierte die Zielkoordinaten und wartete dann auf den vertrauten blauweißen Strudel eines sich öffnenden Slipportals. Erleichert sah sie den grellen Lichtblitz und den sich bildenden Knoten aus Strings. Sie beschleunigte so schnell wie es auf die relativ kurze Distanz möglich war und atmete tief aus, als die Slipstreamrunner an Andromedas ausladenden Bügeln mit dem ersten String in Kontakt kamen und das Schiff in den Strudel hineingezogen wurde. Sie waren unterwegs.

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Rev Bem sah Dylan nach dem Übergang in den Slipstream fragend an. "Nur ein Probeflug", meinte dieser leise. "Wir bringen Sie wieder zurück." Der Magog nickte.

"Trance, einen Moment." Dylan legte die Hand, die Trance nicht umklammert hatte, an seine Halsseite, aktivierte den unter der Haut liegenden Kommunikator und ignorierte Trance' schwachen Protest. "Andromeda, Bericht."

"Der Flug verläuft innerhalb normaler Parameter." Die Kern-KI hatte kaum ausgesprochen, als ein gewaltiger Stoß das Schiff durchlief. Sirenen schrillten los - Alarm, der automatisch ausgelöst wurde, wenn die Verbindung zum String entweder abzubrechen drohte oder Kollision drohte. Dylan krallte sich einhändig an der Liege fest, während Rev Bem Halt an der nächsten fest installierten Konsole gesucht hatte. Dem ersten Stoß folgte eine Serie weiterer Erschütterungen.

"Was zum Teufel geht bei Euch vor sich, Rommie?" Hunts Stimme übertönte den Lärm der Sirenen und der Stöße.

"Die Strings… machen nicht das,… was ich von ihnen… erwarte." Bekas Stimme klang gepresst.

"Was heißt das?" Trance rutschte nach einer erneuten Erschütterung gefährlich nah an den Rand ihrer Liege. Dylan schaltete auf Raumfunk und benutzte seinen freien Arm, um Trance vorsichtig festzuhalten.

"Sie führen… mich nicht dahin, wo... ich hin will. Sie zwingen mich… in eine andere… Richtung."
Ein besonders heftiger Stoß dröhnte durch das Schiff. Auf dem Meddeck segelten einige Gegenstände zu Boden, ohne größeren Schaden zu nehmen.

"Sofort abbrechen", keuchte Dylan, dem beide Arme langsam schwer wurden.

"Leichter gesagt… als getan", keuchte auch Beka. "Festhalten!"

Dann war der Spuk so schnell vorüber, wie er begonnen hatte - das übliche blauweiße Blitzen, die Schlieren des Übergangs, eine kurze Phase der Orientierungslosigkeit und ein kleines Schütteln, eine Kleinigkeit im Vergleich zu den Stößen während des Transits - dann war alles wieder ruhig. Dylan zog die verrutschten Ärmel seines Oberteils wieder zu den Handgelenken herunter.

Rev Bem ließ vorsichtig die Konsole los und glättete seinen Umhang. "Wenn das Göttliche einen Sinn für Humor hat, dann möchte ich auf die Erfahrung verzichten, was es unter ungewöhnlichen Parametern versteht."

"Dylan…" Trance' Stimme klang - obwohl leise - auf einmal sehr laut in der plötzlichen Stille. "Der Kristall…"

"Dylan." Im Vergleich dazu klang Rommies Stimme geradezu gedämpft über die Kommverbindung. "Wir haben ein Problem."

"Geht es genauer, Rommie?" Dylan drückte kurz Trance' Hand, dann zog er ihre in Unordnung geratene Decke glatt. So, mit den äußerlichen Anzeichen des glücklich überstandenen, aber offensichtlich missglückten Slipsprungs beseitigt, fühlte er sich wohler.

"Wie es scheint, haben wir zwar die Möglichkeit, ein Portal in den Slipstream zu öffnen und diesen auch wieder zu verlassen", analysierte Andromedas Hologramm, das im Medizindeck erschien.

"Das wäre doch eine gute Nachricht", murmelte Dylan.

"Doch was dazwischen passiert, können wir nicht beeinflussen." Das Hologramm verstummte.

"Das allerdings ist keine gute Nachricht. Wo sind wir uns im Moment?"

"Wir befinden uns im Acheronsystem und damit…

"In nietzscheanischem Territorium. Großartig." Dylan verdrehte die Augen und ließ den Kopf hängen. Sein Blick fiel auf Trance, die zurück starrte.

"Der Kristall", sagte sie einmal mehr und mit großem Ernst. "Das wollte ich Ihnen schon die ganze Zeit sagen. Der Kristall bestimmt, wohin wir gehen."

"Das kann doch wohl nicht…" Dylan unterbrach sich selbst, holte Luft. "Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt?"

Trance ignorierte Hunts Unzufriedenheit. "Lassen Sie zu, dass der Kristall unser Führer ist."

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"Nicht anwesende Ladies und anwesende Gentlemen… nächster Halt: Milchstraßengalaxie, dritter Stein von der Mitte, der schönste von allen." Harper strubbelte mit beiden Händen durch seine ohnehin schon zu Berge stehende Frisur, dann klopfte er einmal auf die Arbeitskonsole rechts von seinem Pilotensitz. Daraufhin fokussierte die EM-Linse, wesentlicher Bestandteil des Slipstreamantriebs, und öffnete in bequemer Einflugentfernung vor Harpers Slipfighter ein Portal in das Quantenuniversum. Entschlossen nahm der etwas unterdurchschnittlich große Mann, der diesen körperlichen Makel durch ein ungleich größeres Mundwerk mehr als wettzumachen wusste, die Steuerung in beide Hände und grinste wie immer, wenn die Technik reibungslos funktionierte. Der Massewandler reduzierte das relative Gewicht des kleinen Fighters, der daraufhin mühelos beschleunigte.

"Halt!" dröhnte Tyrs Stimme aus dem Kommsystem. Harper zuckte zusammen und drosselte die Geschwindigkeit, mit der sein kleiner Fighter auf das Portal zusteuerte. Außerdem regulierte er die Lautstärke der Kommanlage - drei Striche nach unten.

"Gibt es ein Problem, Tyr?"

"Wir haben es hier mit Drago-Kazov zu tun, kleiner Mann." Harper verzog sein Gesicht zu einer Grimasse bei dieser Anrede. "Wenn du glaubst, dass sie nicht mit deinem Auftauchen rechnen, machst du einen tödlichen Fehler."

"Ach so, das. Ich dachte schon, wir hätten ein echtes Problem, dein abgelaufenes Visum zum Beispiel…"

"Har-per!" Tyrs Stimme donnerte trotz der reduzierten Lautstärke aus den Lautsprechern. "Ich mache das hier mit, weil ich deine Motive respektiere und nicht, weil ich Selbstmordabsichten in irgendeiner Weise verspüre. Ich gehe also davon aus, dass du einen Plan hast, wie wir ungesehen in das Sonnensystem reinkommen und vor allem wieder verlassen können."

"Tyr, der unverbesserliche Pessimist. Hat dir schon mal jemand gesagt, dass diese Einstellung ziemlich destruktiv und ätzend ist?" Harper reduzierte die Geschwindigkeit seines Slipfighters weiter. Das Portal schwebte weiterhin als bläulicher Knoten vor ihm. Es blieb noch genug Zeit, den Knoten zu passieren, bevor das Portal von selbst kollabieren würde.

Unverbesserlicher Pessimist. Tyrs Augen verloren ihren Fokus, als Harpers Worte in seinen Ohren nachhallten und sich mit ähnlichen überlagerten, die aus Tyrs Erinnerung sprachen. "Pessimism is not a survival trait." Pessimismus ist keine Gabe zum Überleben. Dylans Worte zu seinem Ersten Offizier Gaheris Rhade in den letzten Sekunden ihres Kampfes, bevor Andromeda im Ereignishorizont des Schwarzen Loches vor mehr als 300 Jahren verschwunden war. Tyr hatte sich die Videoaufzeichnungen immer wieder angesehen, um zu verstehen, warum ein starker Nietzscheaner wie Rhade gegen den zwar genetisch veränderten, aber immer noch unterlegenen Menschen Hunt verlieren konnte. Er konnte keine Fehler finden - weder in Hunts Verteidigung noch in Rhades Angriffen. Die beiden hätten endlos so weiter machen können… theoretisch. Tyr war nach dem wiederholten Studium der Bilder zu dem Schluss gekommen, dass Rhade verloren hatte, weil er den schwächeren Willen gezeigt hatte. Weil er zunächst Leben hatte schonen wollte, indem er sich hatte festnehmen lassen, statt sofort die Brücke zu übernehmen. Weil er Dylan zunächst das einzig richtige empfohlen hatte, um auf die Falle im Hephaistos-System zu reagieren: die Zündung einer oder mehrerer Novabomben. Die Rebellion der Nietzscheaner wäre für den Preis mehrerer Millionen Lebewesen beendet worden, bevor sie überhaupt richtig begonnen hätte. Rhade musste Zweifel an der Richtigkeit oder dem Erfolg des nietzscheanischen Aufstands empfunden haben, weil er Hunt diese Möglichkeiten gegeben hatte, etwas, wofür Anasazi ihn tief in seinem Inneren zunehmend verachtete.

"Hallo, Tyr? Jemand zu Hause?"

"Hm."

"Wie ich gerade erklärt habe - du musst nur in deinem Slipfighter den Spuren-Vervielfältiger anwerfen, ich lagere eine hübsche künstliche Sonneneruption darüber und während die Dragans noch darüber grübeln, ob ihre Sonne zur Nova wird, sind wir durch ihre Sensornetze hindurchgeschlüpft."

Tyr betrachtete die Kontrollen seines Slipfighters als sähe er diese zum ersten Mal, dann verstand er - er saß in demselben Slipfighter, den er auf seiner Flucht zu Desiree vor einiger Zeit benutzt hatte. Harpers Prototyp, der verschiedene Neuerungen aufwies, unter anderem den Spuren-Vervielfältiger. Dieser spiegelte Sensoren vor, statt eines einzigen Slipfighters insgesamt 8 zu sehen. Die Idee klang absolut nach Harper - und damit irgendwie machbar. Es kam Tyr nicht einmal ungewöhnlich vor, dass er dieser Idee des kleinen Professors nicht misstraute.

"Dazu sollten wir möglichst gemeinsam ankommen. Bleib also dicht hinter mir. Sollte dir ja nicht allzu schwer fallen, oder? Adios." Tyr hörte Harpers letzte Worte, die mit "Erde, ich komme…" begannen, bevor die Kommverbindung zwischen ihren Schiffen abbrach. Harpers kleiner Slipfighter machte einen Satz vorwärts und verschwand in einem weiteren Slipstreamportal.

Kopfschüttelnd sah Tyr Anasazi, der stolze Sohn eines Kodiak-Alphas und seiner ersten Frau, zu, wie das winzige Schiff in die Tentakel des geöffneten Portals zum Quantenuniversum geriet und in der nächsten Sekunde von diesem verschluckt wurde. Er konnte nicht umhin, die Zähigkeit des kleinen Ingenieurs zu bewundern. Die beiden Fighter waren seit dem Verlassen der Anrdomeda so oft durch den Slipstream geflogen, dass der Nietzscheaner das Mitzählen aufgegeben hatte. Jedes Eintreten und Verlassen mit der vorübergehenden Orientierungslosigkeit forderte das Höchste von Material und Pilot. Wenn schon ihn, den genetisch zur Perfektion gereiften Nietzscheaner, sämtliche Nackenmuskeln schmerzten, wie musste es da erst dem anfälligen Harper gehen? "Kleine, zähe Ratte", knurrte Tyr und ließ seinen Slipfighter ebenfalls in das Quantenuniversum hinübergleiten.

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"Wie? Ich meine - warum?" Auf dem Medizindeck der Andromeda stemmte Dylan in einer Geste der Ratlosigkeit die Hände in die Seiten und versuchte so gut es ging, nicht in Trance' wissende Augen zu sehen.

"Dylan, wir bekommen Gesellschaft. Multiple Slipstreamereignisse, 3 Lichtminuten entfernt. Und es sieht nicht gut aus." Beka übernahm diesmal den Part des Überbringers schlechter Nachrichten.

Andromedas Hologramm vervollständigte die Informationen. "Nietzscheanische Signaturen, ein kleiner Kampfverband. Noch sind wir außerhalb ihrer Langstreckenortung, aber das ist eine Frage von Sekunden."

Dylan ging zwei Schritte zur Seite und fuhr mit der Hand über seine Wangen. Die Bartstoppeln, die er fühlte, erinnerten ihn daran, dass er seit mehr als 24 Stunden nicht mehr geschlafen und sein Quartier nur zum Kleiderwechsel aufgesucht hatte. "Vom Regen in die Traufe", murmelte er.

"Vertrauen Sie mir, Dylan. Der Kristall wird uns von hier wegbringen." Trance schien sich von Minute zu Minute zu erholen. Der volle Goldton war in ihr Gesicht zurückgekehrt und ihre Stimme hatte an Kraft und Sicherheit gewonnen.

"Wie können Sie sicher sein, dass er uns beim nächsten Mal nicht gleich in den Zwillingskernen der Andromeda-Galaxie abliefert oder in einer Supernova? Immerhin sind wir hier in nietzscheanischem Gebiet… und woher wissen Sie das… mit dem Kristall, können Sie… ich meine: unterhalten Sie sich… Sie wissen schon."

"Sensorkontakt mit dem nietzscheanischen Kampfverband in 10 - 9 - 8…" Andromedas Meldung trug nicht gerade zum Wohlbefinden ihres Captains bei.

Rev tastete nach dem Anhänger seiner Kette, als er die Zweifel in Dylans Gesicht sah. Der Wayist war dankbar, dass nicht er die Entscheidung, welches der Übel das kleinere war, treffen musste. Auf der einen Seite die sich nähernden Schiffe der Drago-Kazov, die das Acheron-System beherrschten und hier bereits eine Schlappe gegen Andromeda und Dylan hatten einstecken müssen, verbunden mit dem ausdrücklichen Befehl des High Guard Hauptquartiers an Dylan, sich gerade von den Draganern fern zu halten. Auf der anderen Seite die Chance auf ein glückliches Entkommen, die allerdings die komplette Aufgabe von Kontrolle verhieß und die alleinige Hoffnung, dass Trance richtig lag.

"7… 6… "

"Vertrauen, hm?" meinte Hunt müde und drehte sich zu Trance um. Diese schenkte ihm eines ihrer strahlenden, wenngleich zurückhaltenden Lächeln und nickte. Dylan ließ die Hand sinken. "Ok. Beka - Slipstream." Andromedas Hologramm baute sich nach dieser Entscheidung ab.

"5…"

"Dy-lan?" Man musste Bekas Gesicht nicht sehen; selbst über die interne Kommverbindung bildete ihre Stimme ein einziges großes Fragezeichen.

"4…"

Der Zeitverlust trieb Dylan die Sorgenfalten ins Gesicht. "Sofort, Beka. Und Finger weg von der Steuerung. Rommie…" Er aktivierte das Kommimplantat durch Berühren seiner rechten Halsseite.

Auf der Brücke hielt der zierliche Avatar des gewaltigen Kriegsschiffs in der Bewegung inne und verharrte Sekundenbruchteile bewegungslos, dann drehte sie sich ein wenig ruckartig zu Beka um.

"3…" Erbarmungslos zählte die KI die Sekunden herunter. Besorgt sah Rev Bem zu Dylan hinüber. Mochte sich noch so viel während seiner Abwesenheit geändert haben - das Temperament von Beka und die ihr eigene Unwilligkeit, bedingungslos Befehlen zu gehorchen waren weiß Gott genauso ausgeprägt wie früher. Würde Dylan sich durchsetzen können? Ihm waren hier unten auf dem Medizindeck die Hände gebunden und darüber war der Captain mit Sicherheit genauso verstimmt wie Beka über seine Befehle.

"2…"

"Slipstream. Aye. Ihr Schiff. Ihre Befehle." Bekas Bestätigung kam beinahe sanft. Rev Bem brachte dies in Verbindung mit Dylans Appell an Rommie. Der unsanfte Übergang in das Quantenuniversum lenkte seine momentane Aufmerksamkeit jedoch ziemlich abrupt auf das Problem des festen Halts.

"1… 0… Sensorkontakt", verkündete schiffsweit Andromeda, begleitet von einem kurzen akustischen Signalton.

Dylan atmete trotz der letzten Meldung tief aus und musterte Rev Bem und Trance mit ernster Miene. Irgendetwas, ein Instinkt, sagte ihm, dass er diese Entscheidung vielleicht noch bereuen würde. Vielleicht wäre eine kleine Konfrontation mit den Draganern dem vorzuziehen gewesen, was am unbekannten Ende ihrer Reise auf sie warten würde. Hunt wollte im Hinblick darauf keine Risiken eingehen. Sei immer vorbereitet.

"Andromeda, alle Mann auf Gefechtsstation bei Austritt aus dem Slipstream", lautete seine Anweisung. "Rev, es sieht so aus, als müsste Ihre Heimreise noch ein Weilchen warten. Willkommen an Bord." Mit den für ihn typischen langen Schritten verließ Hunt das Medizindeck.


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